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Kommentar: Klopapier und rote Gerbera

Ein Mann trägt eingekauftes Toilettenpapier und Küchenrollen aus einem Supermarkt.

Kommentar: Klopapier und rote Gerbera

Von Katja Schwiglewski

Bei allem Ernst der Lage – über manches kann man eigentlich nur lachen in Corona-Zeiten. Darüber, dass Klopapier zum wertvollsten Gut überhaupt geworden ist zum Beispiel. Menschen schlagen sich sogar schon darum. Andere zeigen sich in der Krise von ihrer freundlichen Seite, sagen Danke und muntern ihre Mitmenschen auf. Wir müssen uns entscheiden: Wie wollen wir sein?

Kommentar: Klopapier und rote Gerbera

WDR 4 Zur Sache 20.03.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 20.03.2021 WDR 4

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Das darf doch nicht wahr sein, war mein erster Gedanke, als ich die Meldung gelesen habe, dass es in einem Discounter in Mannheim zu einer Schlägerei gekommen ist – wegen Klopapier! Mittlerweile kursieren solche Meldungen auch aus anderen Städten, und im Netz finden sich Videos, wo sich Kundinnen kreischend an den Haaren reißen im Kampf um das letzte Paket Klopapier. Soll so in Australien passiert sein, ich vermute also, dass dieser Klopapier-Hype um die Welt geht wie das Virus selbst, das uns in diesen Ausnahmezustand versetzt.

Was mich dabei irritiert, ist weniger die absurde Panik, dass eine Welt ohne Klopapier das denkbar schlimmste Szenario darstellt. Vielleicht könnte man den besorgten Menschen ja noch einmal die Wunderwirkung des Wassers im Rahmen der Körperpflege erläutern. Was mich wirklich beunruhigt, ist das Aggressionspotential, das in uns Menschen schlummert und womöglich nur einen kleinen Kick braucht, um sich hemmungslos zu entladen.

Aber es gibt auch andere Eindrücke in diesen schwierigen Zeiten. Wir sehen Bürger in Köln, die an offenen Fenstern stehen und den Helfern in der Corona-Krise applaudieren. Wir hören von einer musikalischen Solidaritätsaktion aus Bochum, wo das berühmte Lied, das Herbert Grönemeyer für die Stadt geschrieben hat, aus allen Lautsprechern tönt. Zeichen der Solidarität, kleine Gesten mit großer Wirkung, die Mut machen, auch das kann der Mensch.

Wir haben die Wahl: Die Krise kann uns zu rücksichtslosen Egoisten machen oder aber das Gute in uns wecken. Überall im Land gibt es großartige Beispiele für Nachbarschaftshilfe. Das kann ein Lebensmitteleinkauf sein, ein netter Anruf oder ein Blümchen vor der Tür, so wie in Kempen im Kreis Viersen. Da haben Noah und Nele rote Gerbera an die älteren Leute in ihrer Straße verteilt. Daran ein Anhänger mit der Aufschrift "Bitte bleibt gesund". Das gefällt mir richtig gut. Und zur Not hätten die beiden genau wie die vielen anderen freundlichen Menschen im Land auch noch eine Rolle Klopapier übrig, da bin ich ganz sicher.

Stand: 20.03.2020, 13:10