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Brauchen wir eine klimagerechte Sprache?

 Die "Tageszeitung" ("taz") steckt in einem Briefkasten.

Brauchen wir eine klimagerechte Sprache?

Von Stephan Karkowsky

Als erstes Medienhaus in Deutschland hat die Tageszeitung TAZ in Berlin eine klimagerechte Sprache eingeführt. Damit will man künftig sprachlich genauer den Klimawandel beschreiben. Stephan Karkowsky meint: Die Sprachpuristen sollten uns nicht mit ihren Wünschen überfordern!

Brauchen wir eine klimagerechte Sprache?

WDR 4 Zur Sache 15.09.2020 02:05 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 WDR 4

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Es gibt eine merkwürdige Diskrepanz zwischen gutmeinenden Sprachverbesserern und so ziemlich allen anderen, die Sprache einfach benutzen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Die einen, das sind die Intellektuellen, häufig aus einem linksidealistischen, studentischen Milieu heraus. Die glauben fest daran, mit Sprache ließe sich die Welt verändern.

Deshalb hört man jetzt immer häufiger in Talkshows Wörter wie Soldat*innen – mit einer kleinen Pause vor dem weiblichen Suffix. Die Idee dahinter: Das Wort soll alle Menschen in der Armee ansprechen, nicht nur Soldaten und Soldatinnen, sondern auch die, die sich in beiden Geschlechtern nicht wiederfinden. Den meisten Menschen aber dürfte diese Theorie egal sein, die fragen: Warum spricht der so komisch?!

Nun also knöpfen sich die Sprachklempner das Klima vor; einigen ist unser Reden über den Klimawandel zu harmlos. Britische Leitmedien wie die BBC oder der Guardian haben das Wort climate change – also: Wandel, gestrichen. Weil Wandel ja was Schönes ist. Besser sei Klima-Katastrophe. Das findet nun auch die linksalternative Tageszeitung, die taz, als erstes Medienhaus in Deutschland. Vorschreiben wolle man seinen Redakteur*innen zwar nix, so antiautoritär ist man dann doch. Aber Empfehlungen gibt es.

Erderwärmung zum Beispiel sei zu vermeiden, weil das so schön kuschelig klingt. Besser sei Erderhitzung! Da steht der Globus bereits auf der Herdplatte. Auch das Wort Klimaskeptiker sei falsch, weil hier niemand im Sinne einer philosophischen Tugend vernünftig nachdenkt, sondern schlicht Fakten ignoriert. Das Wort Klimaleugner sei deshalb zu bevorzugen.

All diese Argumente sind nicht verkehrt. Aber sie verkennen, dass die meisten Menschen Sprache ganz unbefangen nutzen, ohne es böse zu meinen. Wir dürfen nicht Menschen in eine bestimmte Ecke drängen, bloß weil sie nicht jede Sprachmode sofort verinnerlichen. Und schon gar nicht darf der Eindruck aufkommen, eine kleine Sprachelite würde der Mehrheit Vorschriften aufdrängen. Dann sind auch gutgemeinte Vorschläge zum Scheitern verurteilt.

Stand: 15.09.2020, 13:10