Kommentar: Kleine Regel – großer Schritt für die Menschheit

Kleine Regel – großer Schritt für die Menschheit

Kommentar: Kleine Regel – großer Schritt für die Menschheit

Von Irene Geuer

Was man zum Fall Tönnies ja jetzt schon sagen kann: Da ist im Unternehmen der Abstand nicht eingehalten worden. Denn anders kann sich das Corona-Virus nicht verbreiten. Es braucht die Nähe der Menschen, damit es von einem Wirt zum anderen herübersegeln kann. Anderthalb Meter sind für Corona zu überbrücken. Bei Tönnies ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Körperverletzung. Und? Wie steht es um unseren allgemeinen Abstand? Schlecht, sagt Irene Geuer in ihrem Kommentar.

Kommentar: Kleine Regel – großer Schritt für die Menschheit

WDR 4 Zur Sache 22.06.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 22.06.2021 WDR 4

Download

Gestern wollte mich Freundin Angelika umarmen. Wir haben uns schon lange nicht mehr gesehen. Und ja, eine Umarmung wäre schön, aber nein, ich will es nicht. Sie ist deswegen genervt. Angelika hat beschlossen, Corona aus ihrem Leben auszusortieren. Keine Nachrichten, keine Gespräche darüber, keine Studien lesen. Und mit dieser Strategie fühlt sie sich frei und glücklich.

Meine Strategie ist: Ich lese alles, was ich über dieses Virus in die Finger bekomme. Was klar mit meinem Beruf zusammenhängt, aber auch damit, dass ich wissen will, was ist dran an dieser Regel, die ja in der Gesellschaft für viele Aggressionen sorgt. Abstandhalten, weil andere es sagen? Das widerspricht dem Individualismus, aber auch einem Grundbedürfnis der Menschen. Sich gegenseitig emotional zu berühren, ist lebenswichtig. Dazu hat es vor sehr langer Zeit einen Versuch mit Waisenkindern gegeben, die man zwar versorgt, aber ansonsten nicht berührt hat. Alle starben. Nähe, Anfassen, das ist wichtig.

Aber bitte nicht beim Arbeiten, bitte nicht in der Schule oder im Bus. Denn gleichzeitig muss man sehen, dass Abstand, Quarantäne, Isolation die medizinischen Waffen sind, wenn nichts anderes zur Verfügung steht. Wissen Sie, warum in Europa die Lepra verschwand? Weil die Kranken in Heimen isoliert wurden. Dort waren sie gut versorgt, aber sie durften keinen Kontakt zur Bevölkerung haben. Und weil die Kranken keine Kinder bekommen durften, ist heute in Europa die genetische Disposition für Lepra nicht mehr vorhanden. Faszinierend. Wir können Krankheiten besiegen ohne Impfstoff, ohne Medikamente. Wir können uns das Corona-Virus vom Hals halten, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn wir uns voneinander fern halten.

Deswegen rate ich dringend davon ab, nach den Ferien wieder abstandslos zu unterrichten, so als gäbe es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse und keine Erfahrungen, wie bei Tönnies, aber auch wie gerade in Dortmund. Mehrere Schulen haben schon wieder geschlossen, weil Coronafälle aufgetreten sind. Machen wir doch den Abstand zu unserem ständigen Begleiter, eine kleine Regel, aber ein großer Schritt für die Menschheit.

Stand: 22.06.2020, 13:10