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Kommentar: Coming-Out in der katholischen Kirche: "Wie Gott uns schuf"

Stand: 24.01.2022, 13:10 Uhr

Für die katholische Kirche sind es gerade unruhige Zeiten. Letzte Woche das Missbrauchs-Gutachten von München, das viele Menschen empört hat. Und heute eine Aktion von 125 Kirchenmitarbeitern, die sich als nicht heterosexuell zu erkennen gegeben haben. Menschen, die der Kirche eng verbunden sind, die haupt- oder ehrenamtlich dort arbeiten und die so akzeptiert werden wollen, wie sie sind – auch mit ihrer Sexualität. Jörg Brunsmann findet in seinem Kommentar: Dafür wird es höchste Zeit. Auch wenn die Kirche selbst das wohl nicht so sehen dürfte.

Von Jörg Brunsmann

Kommentar: "Wie Gott uns schuf"

WDR 4 Zur Sache 24.01.2022 01:47 Min. Verfügbar bis 24.01.2023 WDR 4 Von Jörg Brunsmann


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Ich fürchte, ich weiß schon, wie die Kirche reagieren wird. Man wird die Aktion als Bedrohung ansehen, als Angriff von außen, um die katholische Kirche und ihre Institutionen zu zerstören.

Es wäre die übliche Reaktion. Die Kirche hat bisher so ziemlich alles abgetan, was ihr in den letzten Jahrzehnten an ernsthafter Kritik entgegengebracht wurde. Da heißt es dann, man sei ja schließlich kein Mode-Verein. Es wird argumentiert, das sei immer so gewesen. Und – das höchste Argument von allen – das alles sei eben von Gott so vorgegeben.

Doch genau dieses Argument versuchen die 125 Kirchenmitarbeiter, die sich jetzt geoutet haben, zu widerlegen. Indem sie ganz bewusst schreiben: "Wir sind so, wie Gott uns schuf." Und kann es Sünde sein, sich zu dem zu bekennen, wie Gott einen geschaffen hat?

Wer hat da eigentlich ein Problem mit einer Sexualität, die anders ist, als die der Mehrheit? Und warum dürfen Menschen, die sich selbst als schwul, lesbisch oder queer bezeichnen, das nicht mal sagen – ohne in der Kirche auf Unverständnis und Probleme zu stoßen?

Und: Was hat es mit christlicher Nächstenliebe zu tun, wenn die Kirche die Menschen eben nicht so annimmt, wie sie sind, sondern sie in ernsthafte Nöte und Gewissenskonflikte bringt? Wer sich heute als schwul oder lesbisch outet und für die Kirche arbeitet, muss noch immer fürchten, seinen Job zu verlieren und aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Es ist richtig und gut, dass die Kirche Werte vorgibt, an denen man sich orientieren kann. Aber dabei sollte man unterscheiden zwischen dem, was die Menschen tun und dem, wie sie sind.

Die Unterstützer der Coming-Out-Kampagne fordern nicht, dass in der Kirche jetzt plötzlich eine lockere Sexualmoral gilt. Sie wollen nur so akzeptiert werden, wie sie sind. Wie Gott sie geschaffen hat. Kann das denn Sünde sein?