Kommentar: Impfpflicht – wenn es so einfach wäre …

Masernimpfung

Kommentar: Impfpflicht – wenn es so einfach wäre …

Von Irene Geuer

Die Masern sind derzeit das große politische Gesundheitsthema. Kindergärten wollen ungeimpfte Kinder nicht mehr aufnehmen. Politiker fordern eine Impfpflicht, um dieser Krankheit endlich den Garaus zu machen. Und der Präsident der Bundesärztekammer hat am Wochenende noch einen drauf gesetzt. Herr Montgomery sagt: Man kann doch auch gleich mehrere Impfungen zur Pflicht machen. Irene Geuer ist gut durchgeimpft und sagt trotzdem: Impfpflicht – besser nicht …

Kommentar: Impfpflicht - wenn es so einfach wäre ...

WDR 4 Zur Sache 23.04.2019 01:57 Min. WDR 4

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Ich glaube, es ist für Gesundheitspolitiker ein richtig gutes Gefühl, wenn sie mal auf den Tisch hauen und ihre Waffen zeigen können. So nach dem Motto: "Jetzt ist aber Schluss hier mit den nervigen Impfdiskussionen."

Und in der Tat haben ja die Impfgegner, die Kritiker und die Impfmüden dafür gesorgt, dass der gesellschaftliche, der Herdenschutz, nicht vorhanden ist und diejenigen schutzlos sind, die nicht geimpft werden können, weil sie z. B. eine Immunkrankheit haben. Damit muss Schluss sein, das sehe ich genauso wie Politiker Spahn und Lauterbach aus der großen Koalition.

Aber, meine Herren, eine Impfpflicht ist dennoch der falsche Weg. Stellen wir uns doch mal vor, wir hätten diese Pflicht, wie einst im vorigen Jahrhundert – die Pockenpflichtimpfung. Damals gab es schon Impfgegner. Deren Kinder wurden von der Polizei zum Impfen abgeholt. Denn: Eine Pflicht muss durchgesetzt werden. Ich weiß nicht, was los wäre, wenn die Nachrichten Bilder von weinenden Müttern zeigen, denen ein Polizist das Kind abnimmt und zum Impfen wegbringt. Könnten Sie das aushalten, meine Herren? Diese Härte und Konsequenz, die eine Impfpflicht nach sich zöge?

Noch ein Punkt: Viele Studien haben herausgefunden, dass eine Impfpflicht dafür sorgt, dass die allgemeine Skepsis gegenüber dem Impfen weiter steigt. Die Menschen lassen sich freiwillig weniger impfen, wenn es einmal eine Impfpflicht gab. So nach dem Motto: Wenn ich gegen Masern impfen lassen muss, dann aber nicht gegen Grippe. Diese Erkenntnis wurde übrigens schon in den 30ern gewonnen. Die Pockenpflichtimpfung hatte damals einen Zuspruch von 60 Prozent, die freiwillige Diphterie-Impfung nahm über 90 Prozent in Anspruch.

Es gibt effektivere Mittel als eine Impfpflicht und die heißen: Aufklärung und niederschwelliges Impfangebot. Also Impfen in der Kita oder am Arbeitsplatz. Das Impfen kommt zu den Menschen. Vielfach erfolgreich erprobt. Die Länder mit den besten Impfquoten haben keine Impfpflicht. Ich finde, Herr Spahn und Herr Lauterbach: Gegen solche Argumente sollten Sie nicht immun sein.

Stand: 23.04.2019, 00:00