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Kommentar: Wenn Apotheker zur Spritze greifen

Impfspritze auf einem Impfausweis

Kommentar: Wenn Apotheker zur Spritze greifen

Von Irene Geuer

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ist ja ziemlich rührig, was das Impfen angeht. Nicht nur bei Covid-19 oder bei den Masern. Er will auch, dass sich viel mehr Menschen gegen Grippe impfen lassen. Und deshalb sollen in der kommenden Grippesaison erstmals auch die Apotheker impfen dürfen. Dazu gibt es Modellprojekte, auch bei uns, z. B. in Düsseldorf und Umgebung und im Bonn-Sieg-Kreis. Kritik kommt von den Ärzten, die sagen, es braucht den Mediziner. Die Apotheken sehen sich aber gut vorbereitet.

Kommentar: Wenn Apotheker zur Spritze greifen

WDR 4 Zur Sache 22.07.2020 02:00 Min. Verfügbar bis 22.07.2021 WDR 4 Von Irene Geuer

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Gegen Krankheiten impfen zu können, ist eine absolute Errungenschaft in der Medizin. Als es die erste Impfung gab, gegen Pocken, da sank die Zahl der Sterbefälle so rapide, dass es manchem wie ein Wunder vorkam. Diese Erfindung machte es möglich, Vorsorge zu betreiben, tatsächlich Menschen zu beschützen.

Mittlerweile können wir uns gegen viele Krankheiten impfen lassen. Und auch die Gefahren von Nebenwirkungen einer Impfung sind mit den Jahrzehnten immer kleiner geworden. Es gibt sie noch, keine Frage. Aber Tatsache ist: Der Nutzen einer Impfung ist viel höher als ein möglicher Schaden.

Und doch ist es ja so, dass sich z. B. bei der Grippe zu wenige Menschen impfen lassen. Das liegt nicht etwa daran, dass es so viele Impfgegner gibt. Ganz und gar nicht. Das sind gar nicht so viele, wie man meint. Sie sind aber sehr laut. Die meisten, die sich nicht impfen lassen, haben dafür ganz andere Gründe. Z. B., ganz banal, dass sie es immer wieder vergessen oder dass es ihnen lästig ist. Man muss einen Termin beim Arzt machen, warten. Und dann passiert es, wie mir, dass der Arzt den Impfstoff nicht vorrätig hat, ich also nach dem Gespräch zur Apotheke musste, Impfstoff holen, wieder zum Arzt, wieder warten, bis ich endlich den Stich in den Oberarm bekam. Und hier setzt das Modellprojekt von Spahn an. Impfen gleich in der Apotheke. Da sind die Menschen auch öfter als beim Arzt. Das heißt, sie denken vielleicht auch eher daran, wenn sie auf das Schild: "Wir impfen gegen Grippe" gucken.

Viele Ärzte sind nicht begeistert und warnen vor den Gefahren, z. B. vor einer allergischen Reaktion. Klar, die Gefahr ist da, aber sehr gering. Und doch müssen wir das mit einkalkulieren. Wir müssen wissen, ob wir gesund sind, ob wir eher schon mal auf etwas allergisch reagieren. Kurzum: Wir müssen bei dem Thema Eigenverantwortung zeigen. Und im Zweifel ist der Arzt weiterhin da. Impfen in der Apotheke ist aber eine Möglichkeit mehr, bei der Grippe einen guten Herdenschutz zu entwickeln. Die Impfung muss zu den Menschen kommen, hat mal ein Wissenschaftler gesagt. Die Schweiz hat es vorgemacht. Dort stiegen die Grippe-Impfzahlen durch das Angebot der Apotheken im vergangenen Jahr um über 30 Prozent. Ich würde mich freuen, wenn wir das auch hinbekämen und dadurch nicht nur uns selbst, sondern auch unsere Alten, die chronisch Kranken und die Schwangeren besser schützen.

Stand: 22.07.2020, 13:10