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Kommentar: Stimmenfang mit Immobilienenteignung

Wohnsiedlung, Mehrfamilienhäuser, Köln

Kommentar: Stimmenfang mit Immobilienenteignung

Von Jörg Brunsmann

Gegen teure Mieten sollen jetzt Immobilienenteignungen helfen. Die Enteignung der fetten Wohnungsgesellschaften werden aber nicht nur von linken, jungen Berlinern gefordert, sondern nun auch von Politikern, die am Wochenende die Demos in vielen Großstädten mitbekommen haben. Dabei haben doch viele ihrer Entscheidungen zum jetzigen Debakel beigetragen, findet Jörg Brunsmann.

Kommentar: Stimmenfang mit Immobilienenteignung

WDR 4 Zur Sache 08.04.2019 02:16 Min. WDR 4

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Es gibt keine billigen Wohnungen mehr? Stimmt doch gar nicht. Hier: 3 Zimmer, 85 Quadratmeter für 390 Euro. Oder das hier: 93 Quadratmeter, 4 Zimmer für 650 Euro. Sie haben den Trick durchschaut, oder? Diese Wohnungen sind da, wo viele Menschen heute nicht mehr leben können oder wollen – auf dem platten Land. In der Stadt; in Münster, Dortmund oder Köln, würden die gleichen Wohnungen das Doppelte oder Dreifache kosten.

Aber jetzt mal provokant gefragt: Ist das so schlimm? Denn wenn die Demonstranten sagen: Es gibt ein Menschenrecht aufs Wohnen, dann meinen sie eigentlich: Sie wollen bezahlbare Wohnungen in der Stadt haben. Auf die Idee, irgendwo ins tiefste Sauerland oder in die Eifel zu ziehen, kommt da offenbar keiner.

Bevor jetzt hier ein Missverständnis entsteht: Ich kann die Demonstranten verstehen. Ich finde auch, dass die Mietpreise in den Städten unverschämt gestiegen sind. Ich finde aber auch: Der Protest trifft die Falschen.

Die Wohnungsgesellschaften schrauben deshalb die Preise so in die Höhe, weil sie es können. Seit sich der Staat weitgehend aus dem sozialen Wohnungsbau zurückgezogen hat, bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis. Und da eben viele in der Stadt wohnen wollen, gehen die Preise gnadenlos nach oben.

Womit wir direkt beim zweiten Problem wären: Dass das Land für viele Menschen nicht mehr so lebenswert ist wie früher, auch daran hat die Politik ihren Anteil. Man hat die ländlichen Gebiete viel zu lange vernachlässigt. In vielen Dörfern gibt es heute keine Geschäfte mehr, keine Ärzte, keine Kneipe, keine Schule. Und oft nur langsames Internet. Was aber zum Beispiel für viele Jobs inzwischen Mindestvoraussetzung ist.

Wenn Politiker jetzt sagen, sie können die Rufe nach Enteignung von Wohnungsgesellschaften verstehen, dann empfinde ich das als Heuchelei. Es ist Wahlkampf; bald ist Europawahl, es gibt mehrere Landtagswahlen in diesem Jahr – da reden Politiker ihren Wählern gerne nach dem Mund. Die Alternative wäre ja, zuzugeben: Wir haben versagt, unsere Politik der letzten Jahre war falsch.

Schade, dass das nicht passiert, denn ich finde auch: Wir müssen nicht alle in der Stadt wohnen. Auf dem Land ist es lebenswert, Sauerland, Siegerland, Eifel oder Münsterland – auch da, wo es viel Grün und weniger Menschen gibt, kann man sich wohl fühlen. Vorausgesetzt, die Basis stimmt. Straßen, Datenstraßen, Geschäfte, Ärzte – was man halt zum Leben so braucht. Und das ist im Moment leider nicht mehr so.

Stand: 08.04.2019, 13:10