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Kommentar: Alles wird hinterfragt

Großmutter in einer Diskussion mit ihrer Enkelin

Kommentar: Alles wird hinterfragt

Von Ferdinand Quante

Versteh' einer die jungen Leute! Hört man jetzt wieder öfter, diesen Satz, der ja schon vor 50 Jahren kursierte, als die Studenten auf die Straßen gegangen sind und unser Land gründlich verändert haben. Heute sind die Demonstranten jünger als damals, sie schwänzen freitags die Schule, um uns Älteren zu zeigen, wo’s lang geht. Wenn wir ihnen folgen, dürfte das für uns alle ein ziemlich anstrengender Gang werden.

Kommentar: Alles wird hinterfragt

WDR 4 Zur Sache 14.06.2019 02:10 Min. Verfügbar bis 13.06.2020 WDR 4

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Heute Abend, irgendwo in Deutschland: Oma, Ende 60 und durchaus noch flippig, hat groß gekocht, ihr Enkelkind, 15 Jahre alt, kommt zu Besuch. Bislang war das immer schön, für beide.

Dieses Mal geht’s schief. Das Enkelkind erscheint spät. "Sorry, Oma, hatten nach der Fridays-for-Future-Demo noch einiges zu diskutieren", was Oma verständnisvoll hinnimmt, aber kaum ist das Essen auf dem Tisch, zieht ein Gewitter auf.

Woher denn die Bratenscheiben stammen, will das Enkelkind wissen, sähe ja nicht nach Bio aus, und das Rührei könne sie gleich wieder abräumen, millionenfacher Kükenmord, ob Oma denn gar nichts mehr mitkriege, und überhaupt sei die CO2-Bilanz der ganzen Sachen hier in den Schüsseln unter aller Sau, Oliven importiert aus Südafrika, das ginge ja wohl gar nicht.

Oma hat’s eigentlich nur gut gemeint, nur scheint das irgendwie nicht mehr zu reichen. Dass sie in Erinnerung an alte Hippiezeiten einen Flug nach Ibiza gebucht hat, erzählt sie ihrem Enkelkind lieber nicht, und abends im Bett hat sie das Gefühl, der ganz normale Alltag krache in sich zusammen. Essen, fahren, fliegen, heizen, überall ploppen alarmrote Fragezeichen auf.

Ziemlich unangenehm für uns Gewohnheitstiere, dass wir jetzt so vieles anders machen sollen, und einiges am besten gar nicht mehr: Flugreisen nicht buchen, billige Klamotten aus Asien nicht kaufen, Fleisch aus Massentierhaltung nicht essen, Diesel nicht fahren, Braunkohlestrom nicht nutzen. Besinnungslos konsumieren verboten.

Was natürlich nicht so einfach ist. Unsere Gesellschaft ist auf massenhaften Konsum aufgebaut. Kauft, Leute, kauft und genießt, das ist das Motto, und vermutlich würden wir ihm bis in alle Ewigkeit folgen, wenn unsere Lebensart nicht so bedrohliche Konsequenzen hätte.

Klimawandel, globaler Selbstmord, das ist das Ende vom Lied, nicht heute, aber übermorgen, falls wir weitermachen wie bisher. So unangenehm es auch ist, das Enkelkind hat recht: Wir müssen unser Leben ändern.

Stand: 14.06.2019, 00:00