Kommentar: Was uns berührt – Hautkontakt

Die Hand eines Kleinkindes umfasst den Zeigefinger eines Erwachsenen

Kommentar: Was uns berührt – Hautkontakt

Von Katja Schwiglewski

Sie ist unser größtes Sinnesorgan und schützt vor Verletzungen und Infektionen. Sie hilft, dass wir nicht austrocknen oder überhitzen. Die Haut zeigt an, in welcher Stimmung wir sind, und gilt als Spiegel der Seele. Und: Die Neurowissenschaft sagt, dass Menschen, die viel berühren oder berührt werden, friedlicher sind als Menschen ohne Hautkontakt. Ist also doch etwas dran am alten Hippie-Spruch "Make love not war"?

Kommentar: Was uns berührt – Hautkontakt

WDR 4 Zur Sache 10.07.2019 01:59 Min. Verfügbar bis 09.07.2020 WDR 4

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Neulich im Kino. Sitzt auf der einen Seite ein fremder Mensch neben mir. Unsere Unterarme berühren sich auf der Armlehne in der Mitte. Nein! Das ist mir unangenehm. Das möchte ich nicht. Schnell ziehe ich mich zurück. Unfreiwilliger Hautkontakt mit Unbekannten hat etwas Befremdliches – was für mich noch nicht einmal mit möglicher sexueller Übergriffigkeit zu tun hat. Egal, ob Mann oder Frau, nicht jeder darf mich einfach so berühren und erst recht will ich nicht jeden anfassen!

Die Gratwanderung, wie viel Berührung im Umgang mit anderen Menschen angemessen oder wünschenswert wäre, ist nicht leichter geworden seit der "Me-Too"-Debatte. Eine gewisse Verunsicherung hat sich breitgemacht, am Arbeitsplatz zum Beispiel. Ist eine flüchtige Umarmung zur Begrüßung unter Kollegen schon zu viel? Generationsunterschiede spielen wohl auch eine Rolle. Wer ungefähr im gleichen Alter ist, darf die körperliche Bannmeile des anderen eher durchbrechen.

Wenn mir jemand aber sympathisch ist und die Sympathie auf Gegenseitigkeit beruht, warum krampfhaft unser größtes Sinnesorgan, die Haut, dauernd ausschalten? Das ist doch unnatürlich. Sich die Hand zu geben, schafft Vertrauen. Die Hand einer nahestehenden Person zu halten, vermittelt Geborgenheit. Sehr alte Menschen neigen dazu, ihnen gereichte Hände gar nicht mehr loszulassen. Jedem Baby wollen wir am liebsten über das Köpfchen streicheln, und Paartherapeuten bestätigen, dass Hautkontakt die Beziehung festigt. Das alles sagt viel aus über die Bedeutung, die Berührungen für jeden von uns haben.

Die Wissenschaft erklärt, dass dabei Botenstoffe ausgeschüttet werden, Hormone wie das Oxytocin, das eine Hautärztin im Interview mit "Spiegel Online" als "Weltfriedenshormon" bezeichnet. Für mich ist die Sache auch ohne wissenschaftliche Erklärung sonnenklar: Menschliche Nähe, ohne die wir als soziale Wesen verkümmern, vermittelt sich auch und gerade über die Haut. Deshalb nicht vergessen, wenn Sie das nächste Mal auf einen lieben Menschen treffen: einmal ganz feste drücken!

Stand: 10.07.2019, 13:10