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Kommentar: Über den Hass

Symbolbild Schriftzug Hass und Facebook Dislike Symbol

Kommentar: Über den Hass

Von Stephan Karkowsky

Es wird viel geredet dieser Tage über den Hass. In den USA wurde die Oppositionsführerin gefragt, ob sie Donald Trump hasse, und sie reagierte dünnhäutig: Ich bin katholisch erzogen, war Nancy Pelosis Antwort, wir hassen niemanden! Aber geht das überhaupt, ein Leben ohne Hass?

Kommentar: Über den Hass

WDR 4 Zur Sache 06.12.2019 02:03 Min. Verfügbar bis 05.12.2020 WDR 4

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Als ich in der Pubertät war, und wir reden hier von den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, da glaubte ich, zu hassen. Mein Hass schien groß. Auf alle, die mir was vorschreiben wollten. Obrigkeiten, Lehrer, sogar den eigenen Vater. Alle, die Macht hatten über mich, den 14-Jährigen, bekamen meine Wut zu spüren.

Hass erschien mir als eine der reinsten und gerechtesten Emotionen überhaupt. Wenn es die Liebe gab, dachte ich, dann muss es auch den Hass geben. Viel später erst verstand ich, dass Lehrer, Eltern und große Schwestern mir, dem Kind, nicht grundlos Grenzen setzten. Sondern: Weil sie mich liebten. Oder schützen wollten. Und dass mein Hass nur die unreife Reaktion war auf etwas, was ich nicht verstand.

Heute scheinen vor allem im Internet nur noch Spätpubertierende unterwegs zu sein. Es wird gepöbelt und beleidigt und verachtet und gehasst. Ich sehe darin mehrere Ursachen: Zum einen begreifen viele nicht, dass Facebook und Twitter und WhatsApp-Gruppen kein Postgeheimnis kennen. Was da gepostet wird, wird in der Regel von viel mehr Menschen gelesen, als den engsten Freunden.

Zum anderen begreifen manche gerade das als Chance: Je größer der Hass, je härter die Provokation, desto eher wird man gehört. Wer bislang nur den Stammtisch unterhielt oder die Umkleide, schafft es mit seinen Tweets und Postings neuerdings bis in die Hauptnachrichten. Das verleiht jenen Kleingeistern Macht, die ihre pubertäre Wut nie überwinden konnten – oder wollten.

Denn Hassen ist noch immer die einfachste und dümmste Form, sich gegen vermeintlich Mächtigere zur Wehr zu setzen. Hass ersetzt das Nachdenken, das Lernen, das Verstehenwollen. Damit der Hass anderer uns nicht vergiftet, sollten wir die Hasser wieder ausschließen, isolieren, ihnen die Macht der Öffentlichkeit nehmen. Entfreundet sie. Blockiert sie. Aber hasst sie nicht. Für Einsicht nämlich ist es nie zu spät.

Stand: 06.12.2019, 13:10