Kommentar: Neuer Bauboom im Hambacher Forst

Haus der Aktivisten im Hambacher Forst

Kommentar: Neuer Bauboom im Hambacher Forst

Von Stephan Karkowsky

Kaum hatte das letzte Polizeifahrzeug den Hambacher Forst verlassen, rückten neue Besetzer an. Drei Wochen lang hatten die Behörden 86 Baumhäuser aus Brandschutzgründen abgerissen. Jetzt wird wieder fleißig gehämmert und gesägt. Auf fremdem Grund: Schließlich gehört der Wald RWE.

Kommentar: Neuer Bauboom im Hambacher Forst

WDR 4 Zur Sache | 09.10.2018 | 01:59 Min.

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Ich gebe zu: Auch ich war mal ein Besetzer oder besser, ein Besetzerchen … Ich war 13 und im Nachbardorf Grohnde war ein Kernkraftwerk geplant, wie die Atom-Lobby das nannte, damit das böse Wort Atom keinen erschreckte. Spontis hatten den Bauplatz für die Kühltürme besetzt und Holzhütten gezimmert: das Anti-Atomdorf Grohnde. Es gab viel Musik und sogar einen Bürgermeister und ein Schwein namens Genscher, das sich streicheln ließ.

Mein Vater stand auf der anderen Seite und baute am Atomkraftwerk mit. "Du willst mir meinen Arbeitsplatz wegnehmen", sagte er. Aber die Gewerkschaft unterstützte uns. DGB-Chef Heinz-Oskar Vetter sagte wörtlich: "Die Gesundheit der nächsten Generation, das Leben der nächsten Generation ist wichtiger."

Klar, wir standen auf fremdem Grund. Wir waren nicht im Recht. Wahrscheinlich brachen wir es sogar. Aber, wir brachen es aus Verantwortung für die Zukunft und wir taten es gewaltfrei. Zum Schutz aller Bürger. Der Staat dagegen schützte nur das Geld, Wirtschaft und Industrie. Die Atom-Risiken wurden ignoriert, bis Fukushima.

Sie alle haben gestern in den Nachrichten verfolgt, wie dramatisch der Klimawandel voranschreitet. Sie alle erleben die ersten Folgen: dDie Dürre, die Rekordhitze, selbst einen Tornado gab es im Mai am Niederrhein. Die Braunkohleemissionen sind Mitschuld daran.

Ich verstehe jeden, der sich aufregt über Baumbesetzer, die jetzt munter weiter und höchst illegal in den Hambacher Forst einziehen. Und ich finde auch nicht, dass der Zweck immer die Mittel heiligt. Das gilt aber für beide Seiten. Einer der teuersten Polizeieinsätze in der Geschichte Nordrhein-Westfalens hätte vermieden werden können, wenn RWE und die Landesregierung einfach das Gerichtsurteil abgewartet hätten, statt voreilig Fakten zu schaffen.

Und so kommt es wie immer es auf die Verhältnismäßigkeit an. Sollten uns wirklich ein paar bürgerbewegte Aktivisten in Baumhäusern mehr Angst machen als die Klimakatastrophe?

Stand: 09.10.2018, 13:10