Kommentar: 40 Jahre Grüne

Gründungskongress der Grünen in Karlsruhe am 12.01.1980, mit Karl Kerschgens (links) und Dietrich Wilhelm Plagemann

Kommentar: 40 Jahre Grüne

Von Stephan Karkowsky

Die Grünen feiern heute ihr 40jähriges Gründungsjubiläum. Von den turbulenten Anfängen bis zum Traum vom ersten grünen Kanzler war es ein weiter Weg. Stephan Karkowsky gratuliert zum Jubiläum:

Kommentar: 40 Jahre Grüne

WDR 4 Zur Sache 10.01.2020 01:56 Min. Verfügbar bis 09.01.2021 WDR 4 Von Stephan Karkowsky

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Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Was man im Fernsehen sah von den Gründungsparteitagen der Grünen war Chaos und Anarchie. Demokratie bedeutete für viele vor 40 Jahren noch: Stimme abgeben und Klappe halten, und auf einmal kam dieser ungepflegte, streitlustige Haufen langhaariger Strickpulloverträger daher und wollte bei den Erwachsenen mitspielen.

Zur Verteidigung der Grünen muss ich sagen: Ich war selbst ein langhaariger Strickpulloverträger. Am liebsten lief ich rum im grünen Lodenmantel des Großvaters, manchmal auch im langen Ledermantel des Vaters, die Haare über die Schultern, um den Hals Batik oder das unvermeidliche Palästinensertuch.

Was das eigentlich genau ist, grün sein, das wussten lange Zeit die Grünen selbst nicht. Gestartet als eher bunter Haufen bildeten die Grünen lange Zeit nur die grüne Fototapete der Kohl-Ära. Im inneren aber waren sie tief zerstritten. Die strickenden Naturschützer wollten eine andere Partei als die ehemaligen Kommunisten, die allerdings besser kadergeschult waren in Agitation und Klassenkampf. Dass selbst der grüne baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann mal ein Linksradikaler war, genau wie viele andere spätere grüne Führungsmitglieder, mag man heute kaum glauben.

Die Partei hat viele ihrer prominenten Mitglieder verändert. Bis auf den Berliner Rebellen Ströbele und den Karrierediplomaten Joschka Fischer, die aus Treue zu sich selbst lieber in Opposition zur eigenen Partei gingen. Aber die Grünen haben vor allem die Gesellschaft verändert.

Dass Tierschutz und Vegetarismus und ein insgesamt sensiblerer Blick auf die Natur keine Randthemen weltfremder Freaks mehr sind, dass Klima- und Artenschutz selbstverständlicher Teil der offiziellen Politik wurden, das haben wir vor allem den Grünen zu verdanken. Dass sie künftig sogar Kanzlerchancen haben könnten: Wer hätte das vor 40 Jahren für möglich gehalten?

Stand: 10.01.2020, 13:10