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Kölsche Sprichwörter

Kommentar: Gedanken zur Muttersprache

Stand: 21.02.2022, 13:10 Uhr

Wer in einer englischsprachigen Familie aufwächst, lernt Englisch. In der türkischsprachigen Familie ist es Türkisch und in einer deutschsprachigen Deutsch. Klar. Oder auch nicht, denn was heißt schon Deutsch? Das, was man im tiefsten Bayern spricht, klingt ja irgendwie anders als der Sound in einer Hamburger Kaufmannsfamilie. Muttersprache Deutsch, das ist offenbar ein ganzer Strauß unterschiedlichster Dialekte und Tonfälle.

Von Ferdinand Quante

Kommentar: Gedanken zur Muttersprache

WDR 4 Zur Sache 21.02.2022 01:34 Min. Verfügbar bis 21.02.2023 WDR 4 Von Ferdinand Quante


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In meiner Kindheit war der Buchstabe G ein ziemlicher Totalausfall. "Jetz’ cheh hier abba mal chanz schnell wech!", knurrte der Nachbar, wenn ich wieder einmal durch sein Erdbeerfeld stapfte, um den verirrten Lederball zu holen.

Meine Tante hatte auch nicht viel übrig für den siebten Buchstaben im Alphabet, was mir aber erst auffiel, als ich zur Schule ging, wo dann aus "Charten" ein "Garten" wurde. Irgendwann habe ich die Tante gefragt, warum sie manchmal so komisch sprechen würde. Sie hat nur gelacht, und dann kam ihr Paradesatz: "Cheorch, che in’ Charten un’ chieß die Cheorchinen". Fand ich super.

Finde ich immer noch. Obwohl’s zwischendurch irgendwie peinlich war und ich mir an der Uni eher die Zunge abgebissen hätte, als im Sound meiner Tante zu sprechen. Damit stand ich damals nicht alleine da. Den Dialekt rauslassen war eine Zeitlang verpönt. Heute wird er gepflegt. In Köln gibt’s eine Akademie, wo man Kölsch lernen kann, inkl. Kölsch-Examen, und im Ruhrpott wäre man entsetzt, wenn kein Mensch mehr "Hömma" sagen würde.

"Hömma" ist Muttersprache, für einige jedenfalls, und ich stell’ mir grad vor, was Kinder von heute sagen werden, wenn man sie später einmal nach dem Sound ihrer frühen Jahre fragt. Vielleicht kommt dann von ihnen ein Satz wie "Okay, ich bin geboostert und erst mal safe." Tja, so ist Sprache. Flexibel und wunderbar wandelbar.

"Chanz chenau", hätte meine Tante wohl gesagt.