Kommentar: Wenn Fußgänger immer Vorrang haben

22.09.2019, Belgien, Brüssel: Ein Mann überquert mit einem Fahrrad eine Straße. Im Zentrum der belgischen Hauptstadt Brüssel wird das sogenannte Pentagone, der innere Ring der Stadt, für mindestens drei Monate zur Rad- und Fußgängerzone.

Kommentar: Wenn Fußgänger immer Vorrang haben

Von Irene Geuer

Die Abstandsregeln in Coronazeiten scheinen sich ja zu bewähren. Und Belgien hat sich da etwas Besonderes ausgedacht, damit vor allem die Fußgänger mehr Platz haben. Die Innenstadt von Brüssel wurde zur kompletten Fußgänger- und Radfahrerzone erklärt. Und alles, was motorisiert ist, darf nur noch mit 20 Stundenkilometern Höchstgeschwindigkeit durch das Zentrum der Hauptstadt fahren … kriechen ist vielleicht treffender. Irene Geuer sagt, schön, dass solche Konzepte jetzt mal ausprobiert werden.

Kommentar: Wenn Fußgänger immer Vorrang haben

WDR 4 Zur Sache 13.05.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 06.05.2021 WDR 4

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Beneidenswert, was die Brüsseler derzeit in ihrer Innenstadt dürfen. Wie sehr wäre das vor meiner Haustür zu gebrauchen. Die Fahrbahn ist seit vielen Jahren abgefahren, das Kopfsteinpflaster ragt heraus. Wenn es regnet, wird die Straße zur Rutschpartie für die Radfahrer. Also fahren die seit Jahren auf dem Bürgersteig, offiziell verboten, aber für uns ok. Aber nun mit den Abstandsregeln führt es dazu, dass die Fußgänger auf die Fahrbahn ausweichen müssen, um sich dort dann von Autofahrern weghupen zu lassen.

Klar, man könnte jetzt endlich mal diese Straße neu asphaltieren und wieder für geordnete Verhältnisse sorgen. Aber man kann auch ganz neu denken. Weil wir doch den motorisierten Individualverkehr hinter uns lassen wollen. Also schön, dass in Brüssel das Einbahnstraßendenken in der Verkehrspolitik aufgegeben wurde, um Fußgängern und Radfahrern Dauergrün zu geben.

Das wünschen sich viele auch in deutschen Innenstädten. In diesen Tagen der Lockerungen wird es wieder voller auf den Straßen, die Abstandsregeln sind nicht mehr so gut einzuhalten. Und wir wollen ja nicht wie in Spanien Ausgehzeiten bekommen. Erwerbstätige von 6 bis 10, Rentner von 10 bis 13 Uhr, Kinder danach und so weiter. Das würde hier kaum durchsetzbar sein. Was aber tatsächlich machbar wäre, das sind Fußgängerzonen auf Fahrbahnen. In Köln haben sich bereits in mehreren Stadtvierteln die Anwohner dafür stark gemacht. Und nebenbei könnte man dadurch auch Restaurants oder Eisdielen etwas mehr Platz zugestehen, um ein paar Kunden mehr bewirten zu können.

Brüssel hat seine neue Verkehrsregelung auf drei Monate begrenzt. Sehr gute Idee. Drei Monate machen und dann gucken und auswerten, die Pendler, die Anwohner, die Geschäftsleute danach befragen, wie sie damit zurechtgekommen sind. Ich fände es prima, wenn wir uns hier zu solchen Versuchen auch durchringen könnten. Aber auch wenn das vielleicht nicht passieren wird, weil hier ja im September Kommunalwahlen stattfinden, und die Scheu, vorher etwas Neues einzuführen, zu groß ist, da können wir eben auf Brüssel setzen. Gut möglich, dass der dortige Verkehrsversuch so namhaft und angesehen sein wird wie die berühmten Belgischen Pralinen.

Stand: 13.05.2020, 13:10