Der Fußball im Sperrfeuer der Realität

Bulgarische Fans gestikulieren auf abfällige Weise und äußern sich auf rassistische Weise während des  EM-Qualifikationsspiels gegen England am 14.10.2019

Der Fußball im Sperrfeuer der Realität

Von Ferdinand Quante

Nach dem Abpfiff ist noch lange nicht Schluss. Denn immer öfter hat ein Fußballspiel ein heftig diskutiertes Nachspiel. So auch in dieser Woche, als türkische Nationalspieler auf dem Rasen militärisch grüßten und englische Spieler in Bulgarien rassistisch beleidigt wurden. Keine Frage: Das, was in Politik und Gesellschaft passiert, zeigt sich auch in den Stadien. Der Fußball steht im Sperrfeuer der Realität.

Der Fußball im Sperrfeuer der Realität

WDR 4 Zur Sache 16.10.2019 02:34 Min. Verfügbar bis 15.10.2020 WDR 4

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Das waren Zeiten, als Günther Netzer aus der Tiefe des Raumes kam und seine weiten, öffnenden Pässe schlug. So wurde Deutschland 1972 Europameister. Und Netzers befreiende Spielweise, passte die nicht exakt zum politischen Geschehen? Willy Brandt war Kanzler, mehr Demokratie wagen, hieß es, mehr Freiheit, mehr Offenheit zeigen, so wie Netzer auf dem Platz. Damals wurde behauptet, die politische Atmosphäre im Lande habe direkten Einfluss darauf, wie man Fußball spielt.

Wenn das so stimmt, wie sähe das dann heute aus, wo Rassismus und Antisemitismus die Gesellschaft erschüttern und die Fridays-for-Future-Bewegung ihre Angst vor der Klimakatastrophe auf die Straße trägt? Wäre das tatsächlich spielprägend, dürften Kroos, Kimmich und Co. keinen Drei-Meter-Pass mehr auf die Reihe kriegen.

Nein, die politische Lage prägt nicht die Spielweise im Fußball, jedenfalls heute nicht mehr. Heute hat die politische Lage den Fußball mit Haut und Haaren rundum im Griff. Auf vielen Tribünen grölen rassistische Hetzer ihre Parolen. In Sofia wurde am Montag ein EM-Qualifikationsspiel zweimal unterbrochen, weil Zuschauer die dunkelhäutigen Spieler der englischen Gastmannschaft aufs Übelste beleidigten. In deutschen Stadien passiert so was auch, schwarze Fußballer werden von den Rängen mit Affenlauten verhöhnt.

Ich will nicht behaupten, dass der Fußball früher ein Hort der Unschuld war. 1978, kurz vor der WM in Argentinien, nannte der DFB-Präsident Neuberger den dort herrschenden Diktator Videla eine "Taube" und bestritt, dass es in Argentinien eine Diktatur überhaupt gäbe. Ja, der Fußball hatte immer eine gesellschaftspolitische Seite, heute aber ist er nach allen Seiten offen. Die Geldströme der globalen Finanzwelt fließen millionenschwer auch durch die Proficlubs. Der Weltfußballverband FIFA ist seit Jahren in Bestechungsskandale verwickelt, Stichwort "Vergabe der WM 2022 nach Katar". Türkische Fußballer grüßen militärisch, im deutschen Amateurfußball werden Schiedsrichter bedroht und geschlagen.

Da hat sich was komplett gedreht. Denn eigentlich sollte der Fußball ja Wut und Aggressionen regulieren, gefährliche Stimmungen im regelgeleiteten Spiel auflösen. Schöne Idee. Von ihr ist der Fußball heute jedenfalls so weit entfernt wie nie.

Stand: 16.10.2019, 13:10