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Kommentar: Von der Freude am Lesen

Junge Frau liest ein Buch

Kommentar: Von der Freude am Lesen

Von Stephan Karkowsky

Stellen Sie sich vor, es ist Buchmesse in Frankfurt, und keiner geht hin! Die größte Bücherschau der Welt findet in diesem Jahr ohne Publikum statt. Wegen Corona! Lesungen und Veranstaltungen werden aber ins Internet übertragen. Und die Freude am Lesen sollten wir uns von der Pandemie sowieso nicht nehmen lassen, meint WDR 4-Autor Stephan Karkowsky:

Kommentar: Von der Freude am Lesen

WDR 4 Zur Sache 16.10.2020 02:06 Min. Verfügbar bis 16.10.2021 WDR 4 Von Stephan Karkowsky

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Ich habe in diesen trüben Herbsttagen häufiger mal wieder Michael Endes "Unendliche Geschichte" in der Hand. In einer Taschenbuchausgabe, deren winzige Schrift ich heute, im Lesebrillenalter, kaum noch entziffern kann. Gelesen habe ich das als Teenager. Im Einband steht mein Name. Mit Schönschrift, weil wir Bücher damals so oft verliehen haben.

Die Geschichte des Kaiserreiches Phantasien, das nach und nach vom Nichts verschlungen wird, kann man auch als Metapher lesen auf eine Pandemie: Die nur durch die Fantasie eines kleinen, dicken Jungen gestoppt wird.

Der rätselhafte, zentrale Satz des Buches lautet: "Tu was Du willst". Ganze Bücher sind nur über diesen Satz und seine Herkunft geschrieben worden. Als Jugendlicher, dessen Wille noch begrenzt wurde von der Autorität der Erwachsenen, kam mir das ungeheuer verführerisch vor: Tun was man will! Wie toll! Ohne Regeln, ohne Schuld, ohne Folgen!

Auf Corona bezogen glauben manche heute, sie dürften nicht mehr tun, was sie wollen: Nicht mehr Händeschütteln, sich nicht mehr nah sein, nicht mehr reisen. In Wirklichkeit aber tun wir doch damit genau, was wir wollen, nämlich: Uns und andere zu schützen vor dem Nichts. Den Zerfall Phantasiens aufzuhalten. Die kindliche Kaiserin zu retten. Oder: einen neuen Lockdown zu verhindern.

Wenn ein Buch einem 40 Jahre, nachdem ich es gelesen habe, noch so ungeheuer präsent ist, was für ein schöner Beweis ist das für die Kraft der Literatur? Für die Macht der Fantasie? Und natürlich war der Herbst immer schon die schönste Zeit zum Lesen: Wenn draußen Walnüsse und Kastanien von den Bäumen fallen. Wenn die Heizung wieder anspringt und wir mit einer schönen Tasse heißen Tees und einem guten Buch auf dem Schoß für Stunden die schlechten Nachrichten da draußen vergessen können.

Sie merken: Mir selbst gelingt das nicht ganz. Dafür ist Corona zu allgegenwärtig. Genau wie Sie, hoffe ich, dass diese Pandemie keine Unendliche Geschichte wird. Aber wenn wir in diesem Herbst und Winter noch damit leben müssen, dann tröstet mich der Gedanke, dass noch unendlich viele tolle Bücher darauf warten, von uns gelesen zu werden.

Stand: 16.10.2020, 13:10