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Kommentar: Fortschritt durch Langsamkeit

Ladestecker für E-Mini

Kommentar: Fortschritt durch Langsamkeit

Von Stephan Karkowsky

In München eröffnet heute die Internationale Automobil-Ausstellung. Und diesmal soll nichts mehr so sein, wie früher: Die meisten Hersteller präsentieren ihre neuen Batterieautos. Sogar batteriebetriebene Fahrräder werden nun auf der Automobilausstellung präsentiert. Stephan Karkowsky findet, damit geht auch ein Stück Kultur verloren.

Kommentar: Fortschritt durch Langsamkeit

WDR 4 Zur Sache 07.09.2021 01:58 Min. Verfügbar bis 07.09.2022 WDR 4 Von Stephan Karkowsky


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Verzeihen Sie mir bitte meine gestrige Begeisterung für Motoren. Aber wir Babyboomer sind nun mal mit dem Duft verbleiten Benzins aufgewachsen. Unsere Werte waren Hubraum, PS, Höchstgeschwindigkeit. Unsere Träume hießen Porsche, Ferrari, Lamborghini. Unser Rausch war die Geschwindigkeit. Die Zukunft, das war für uns die Concorde, in drei Stunden von London nach New York. Demokratie war der Golf GTI, endlich Tempo für alle.

Die IAA – traditionell in Frankfurt – war das Schaufenster der Träume. Klar gab es auch da Spritsparer. Sensationell gescheitert etwa der Audi A2, das erste echte Drei-Liter-Auto, 1999. Klar gab es da auch Vernunft zu besichtigen, an leeren Ständen. Spektakulär aber blieben Auftritte der wuchtigen Dodge Viper mit acht Litern (Hubraum!) – und zehn Zylindern.

Gestern, das war immer schneller. Raketenflugzeuge und – Autos, die zeigten, was machbar ist. Das Ziel war, den Weg durch Tempo zu verkürzen. Zeit zu sparen. Heute wird überall gedrosselt. Wir hängen fest im Tempolimit oder an der Ladesäule. Gestern war Vorsprung durch Technik, heute Fortschritt durch Langsamkeit. Der Klimaschutz tritt auf die Spaßbremse.

Die Leidenschaft für Motoren aber lässt sich nicht verbieten. Sie ist die freche Schwester der Klimavernunft. Klimaneutralität ist notwendig, aber langweilig. Und lahm. Noch geht vieles mit dem eigenen Auto am schnellsten. Bald nicht mehr.

Das ist das große Paradox der Verkehrswende: Um uns Dinosaurier zum Umstieg zu bewegen, will man uns künstlich ausbremsen. Wie wäre es stattdessen mit einem ÖPNV, der schneller ist als das Auto? Mit Ladesystemen, die das E-Auto schneller laden als einen 50 Liter Tank? Mit Carsharingsystemen, bei denen man nicht angeekelt einsteigt, weil sie so nachlässig gepflegt sind? Da wäre ich gern dabei, glauben Sie mir.

Stand: 07.09.2021, 12:58