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Kommentar: Die Flüchtlinge im Stich lassen ist unmenschlich

Ein Banner mit der Aufschrift "Grenzen auf Häuser auf" hängt an einem Bauzaun vor einem leerstehenden Wohnhaus

Kommentar: Die Flüchtlinge im Stich lassen ist unmenschlich

Von Ferdinand Quante

Das Feuer hat sie wieder in den Blickpunkt gerückt, die fast vergessenen Flüchtlinge im nun zerstörten Lager auf der griechischen Insel Moria. Wie soll es jetzt für sie weitergehen, auf welche Art von Hilfen dürfen sie hoffen? Die EU ist zerstritten, eine gemeinsame Lösung nicht in Sicht. In Deutschland forderten Demonstranten in zahlreichen Städten: Helft den obdachlosen Menschen dort, und zwar schnell. Wäre es nicht unmenschlich, sie einfach im Stich zu lassen?

Kommentar: Die Flüchtlinge im Stich lassen ist unmenschlich

WDR 4 Zur Sache 11.09.2020 01:53 Min. Verfügbar bis 11.09.2021 WDR 4

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Man stelle sich das mal vor: Schwerer Unfall auf der A1, zahlreiche Verletzte. Die Rettungswagen vom Roten Kreuz müssen kommen, aber sie kommen nicht, weil es das Rote Kreuz gar nicht mehr gibt. Wie den Verletzten auf der Autobahn ergeht es den Geflüchteten auf Moria. Keine Hilfe, weil keine Rettungsorganisation für sie existiert. Die Europäische Union hat einfach aufgehört, sich um sie kümmern.

Die meisten von ihnen leben jetzt buchstäblich auf der Straße, schlafen unter freiem Himmel, manche haben nicht einmal genügend Decken. Es ist schon allzu blöd, wenn jetzt auf Moral gepocht wird. Bei Unfällen und Katastrophen im eigenen Land muss niemand erst die Moral bemühen, weil es ganz selbstverständlich ist, sofort Rettungskräfte zu schicken. Warum schickt man sie nicht? Griechenland mag zwar in der Ferne liegen, aber die Katastrophe, die dort ausgebrochen ist und andauert, ist doch unsere Katastrophe.

Die EU und also auch Deutschland sind verantwortlich für das Flüchtlingslager. Ein Großteil der Deutschen sieht das auch so. Laut einer Blitzumfrage sind 50 Prozent dafür, die Menschen aus dem niedergebrannten Lager aufzunehmen. In Köln, Münster, Krefeld, Bonn, Bochum und Wuppertal ist dafür demonstriert worden, und eine ganze Reihe von Städten, darunter Bielefeld, Hamm, Minden, Köln, Düsseldorf, bieten ihre Hilfe an.

Einige tausend Geflüchtete könnten kommen, vielleicht sogar alle, wenn der Innenminister nur zustimmen würde. Aber das wird er nicht. Seehofer hat sich bereits festgelegt. 150 Minderjährige will er aufnehmen, Frankreich will das auch. Die Allermeisten auf Moria sollen warten, bis die Staaten der Europäischen Union eine gemeinsame Lösung gefunden haben. Das wird dauern, unendlich lange vermutlich.

Viel Zeit also, um Fragen der Moral zu wälzen.

Stand: 11.09.2020, 13:10