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Kommentar: Fensterkissen raus!

Fensterkissen

Kommentar: Fensterkissen raus!

Von Irene Geuer

Osterdienstag, also heute in einer Woche, will die Bundesregierung entscheiden, wie es mit uns weitergeht. Bleiben Schulen, Geschäfte oder Restaurants weiter geschlossen oder gibt es ein paar Lockerungen? Aber klar ist heute schon, dass sämtliche Regeln der Kontaktlosigkeit weiter bestehen bleiben müssen, weil sonst die Zahl der Ansteckungen ganz schnell explodieren kann. Das heißt, es bleibt weiterhin anstrengend, vor allem mit denen, die zu den Gefährdetsten gehören. Ältere Menschen sind in diesen Tagen eine absolute Herausforderung, sagt Irene Geuer.

WDR4, Wort, Zur Sache, Corona, Fensterkissen raus!, 07.04.2020

WDR 4 Zur Sache 07.04.2020 02:00 Min. Verfügbar bis 07.04.2021 WDR 4

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Wir haben alle Sorgen um die Eltern und Großeltern. Auf sie hat es Corona besonders abgesehen. Leichte Beute. Und, Ihnen geht das wahrscheinlich ähnlich, ich versuche alles zu tun, um dem Virus ein Schnippchen zu schlagen. Seitdem bin ich im Vollstress und mit den Nerven runter. Denn Faktum ist: Die Alten scheinen das mit der Gefahr ganz anders zu sehen. Ihre Sorglosigkeit treibt mich zuweilen fast in den Wahnsinn. Und nicht nur mich. Rumgefragt im Freundeskreis, viele sind doch sehr erstaunt, welcher Leichtsinn sich da bei den Ü-70ern ausbreitet.

Beispiel: Ein älterer Herr, 78, muss zum Zahnarzt. Das Parkhaus neben der Praxis, so befürchtet er, könnte geschlossen haben. Aber das sei ja nicht schlimm, meint er, dann nehme er eben den Bus. Das sind Sätze, die zu Explosionen im Hirn der Jüngeren führen. Schlimm genug, dass der ältere Herr eine zahnärztliche Behandlung in diesen Tagen braucht, aber dass er sich ins Virenmutterschiff, also in den Bus setzen will, hat was von Kamikaze.

Oder im Supermarkt. Die Alten entwickeln da ja derzeit ungeahnte Spontaneität. Ändern urplötzlich ihren eingeschlagenen Weg, bleiben abrupt stehen oder suchen geradezu die Nähe zu anderen, von wegen Abstand, ihr Einkaufswagen in meinen Hacken. Und dann würde ich auch mal gerne wissen: Muss man jeden Tag einkaufen? Raus für ein Brötchen und zwei Scheiben Fleischwurst. Wirklich jetzt? Jeden Tag sich aufs Neue der Ansteckungsgefahr aussetzen?

Ja, meint zum Beispiel die Mutter eines Kollegen. Man würde ja sonst keinen treffen. Und das hat mich auf die Idee gebracht, hier den alten Brauch zu bewerben, der sowohl im Rheinland, wie im Ruhrgebiet, in der Eifel, wie auch in Köln lange zuhause war. Der Einsatz des Fensterkissens. Ein dickes Kissen mit robustem Bezug, das ins offene Fenster geklemmt wird, auf das man sich mit den Unterarmen stützt, so dass der Poppes drinnen bleibt, der Kopf aber rausgestreckt werden kann, um einen zu treffen, mit dem man einen Plausch halten kann. Das Fensterkissen ist die effektivste Art, kommunikativ und gleichzeitig virenfrei zu bleiben. Bitte nutzt es. Denn ihr Alten müsst es vielleicht mal hier im Radio gesagt bekommen: Wir wollen, dass ihr bleibt. Denn wir haben Euch lieb!

Stand: 07.04.2020, 13:10