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Kommentar: Feiern oder nicht feiern?

Rotes Schild mit Aufschrift "Abstand halten"

Kommentar: Feiern oder nicht feiern?

Von Stephan Karkowsky

Corona und kein Ende: In unseren Nachbarländern wird das Leben bereits weitgehend wieder heruntergefahren. In Italien, Belgien und Frankreich gibt es nächtliche Ausgangssperren. Die Niederlande fliegen wegen Bettenknappheit erste Intensivpatienten nach Deutschland aus. Bei uns appelliert die Politik vor allem an die Eigenverantwortung der Bürger. Das aber ist leichter gesagt, als getan, wie WDR 4-Autor Stephan Karkowsky feststellt:

Kommentar: Feiern oder nicht feiern?

WDR 4 Zur Sache 26.10.2020 02:02 Min. Verfügbar bis 26.10.2021 WDR 4 Von Stephan Karkowsky


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Seit etwa einem Jahr berichte ich in dieser Kolumne vom 90. Geburtstag meiner Mutter. Erst, wie wir uns drauf gefreut und drauf vorbereitet haben. Dann, wie wir uns Sorgen gemacht haben, als die Pandemie ausbrach. Wie wir nach dem ersten Lockdown guter Hoffnung waren, weil im Sommer die Zahlen zurückgingen. Schließlich, wie uns vor ein paar Wochen die Gaststätte den Saal kündigen musste, weil wir zu viele waren. Wie wir dann beschlossen haben, nur im engsten Familienkreis zuhause zu feiern. Und jetzt gelten ausgerechnet diese Familienfeiern als Risiko.

Die doppelte Warnung der Kanzlerin ist eindeutig, und auch Armin Laschet hat ihre Worte gestern bei Anne Will noch einmal wiederholt: "Verzichten Sie auf jede Reise (…), auf jede Feier, die nicht zwingend notwendig ist. Bitte bleiben Sie, wann immer möglich, zuhause, an Ihrem Wohnort". Ich verstehe: Das wäre das Vernünftigste.

Und doch ärgert es mich maßlos: Als jemand, der eher übervorsichtig ist. Hände wäscht, statt schüttelt. Maske auch da trägt, wo es nicht vorgeschrieben ist. Der bis zur Unhöflichkeit Mindestabstände einfordert. Und nur noch mit dem Fahrrad oder Auto unterwegs ist. Ausgerechnet ich soll jetzt nicht zu Mama fahren dürfen?

Dabei dürfte ich ja. Und das ist, glaube ich, die Crux. Wir alle hätten die Chance, mit einem vernünftigen Maß an Eigenverantwortung den nächsten Lockdown zu verhindern. Aber wer möchte ernsthaft zuhause im kleinsten Familienkreis Mindestabstände einhalten? Oder Masken tragen zwischen den Mahlzeiten? Die Familie gilt uns als letzter, sicherer Ort. Dabei können wir nicht wissen, mit wem unsere Brüder und Schwestern, unsere Kinder und Enkel Kontakt hatten. Das macht Familienfeiern derzeit so gefährlich.

Im großen Mafia-Epos "Der Pate" sagt Al Pacino zum vergeblichen Versuch, ein ehrlicher Mensch zu werden: Gerade als ich dachte, ich bin raus, ziehen sie mich wieder rein! So geht’s mir mit dieser Pandemie. Der 90. Geburtstag ist am Donnerstag. Und drei Tage vorher weiß ich nicht mehr, was ich machen soll.

Stand: 26.10.2020, 13:10