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Kommentar: Für uns wirds wohl noch reichen!

Extinction Rebellion Melbourne

Kommentar: Für uns wirds wohl noch reichen!

Von Jörg Brunsmann

"Extinction Rebellion" – haben Sie von den Umwelt-Aktivisten schon gehört? Die Rebellen wollen effektiver als die "Fridays for Future"-Bewegung für mehr Klimaschutz demonstrieren. Warum mache ich das eigentlich nicht, hat sich Jörg Brunsmann gefragt.

Kommentar: Für uns wirds wohl noch reichen!

WDR 4 Zur Sache 08.10.2019 02:49 Min. Verfügbar bis 07.10.2020 WDR 4

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Der Weg zur Arbeit heute morgen führte mich mit dem Auto durch den Regen mitten in den Stau hinein. Im Radio geht es um "Extinction Rebellion", die Aktivisten, die Straßen und Plätze blockieren, um mehr und schnelleren Klimaschutz durchzusetzen. Vor den Ampeln, die im Sekundentakt wieder auf Rot springen, hat man ja auch ein bisschen Zeit zum Nachdenken. Und ich hab mich gefragt: Warum bin ich da eigentlich nicht dabei? Eigentlich haben die Aktivisten doch recht. Wenn wir verhindern wollen, dass uns das Klima um die Ohren fliegt oder um die Beine schwappt, dann müssen wir etwas tun. Und zwar jetzt. Aber um mich herum, im Freundes- und Bekanntenkreis, wird höchstens wohlwollend genickt: "Schon irgendwie gut, was die jungen Leute da so machen!" Ja, und warum machen wir das nicht?

Weil wir – und damit meine ich die Generation der etwa 30- bis 65-Jährigen – uns insgeheim damit abgefunden haben, dass sowieso alles irgendwann den Bach runtergeht. Was uns von den Demonstranten unterscheidet: Wir sind davon überzeugt: Für uns wird es schon noch reichen.

Das ist auch der Grund, warum wir keine Lust haben, unser Leben radikal zu ändern. Wenn wir uns überhaupt ein Elektroauto leisten können und wollen, dann eher als Zweit- oder Drittwagen und weil die Elektroautos so eine tolle Beschleunigung haben, besser als der alte Diesel. Wir Älteren nehmen das mit dem Klimawandel gar nicht so richtig ernst. Klar, da verändert sich etwas, das merkt und sieht man ja auch. Aber: Für uns wird es schon noch reichen.

Genau so sind wir auch aufgewachsen. Schon in den 70ern haben Wissenschaftler gewarnt, dass die Natur dieses Wirtschaftswachstum auf Teufel-komm-raus auf Dauer nicht mitmachen wird. Seitdem sind fast 50 Jahre vergangen und wir haben gelernt: Doch, irgendwie geht es. Die Wirtschaft ist enorm gewachsen, in Deutschland gibt es mehr Autos denn je, wir fliegen zweimal im Jahr mit dem Billigflieger in den Urlaub und trotzdem fängt die Nordsee noch immer nicht am Stadtrand von Osnabrück an.

Außerdem tun wir doch was: Wir trennen den Müll, verzichten auf Strohhalme und fahren jetzt öfter mal mit dem Fahrrad. Das muss doch reichen, oder? Ja, tut es auch. Für uns!

Haben Sie sich die "Fridays for Future"-Demonstrationen mal angeschaut, im Fernsehen oder so? Da sieht man die ganz Jungen, die demonstrieren, weil sie wissen: Es ist ihre Zukunft, die hier gerade den Bach runtergeht. Und es sind die Älteren, die Rentner, die Zeit haben und ihre Enkel unterstützen wollen.

Ich bin Jahrgang 1970. Wer weiß, vielleicht bin ich in 15 oder 20 Jahren auch mit dabei. Wenn ich dann Rentner bin und meinen Enkeln was Gutes tun will. Und dann steh ich da zusammen mit anderen aus meinem Jahrgang und demonstriere. Oder ist es wahrscheinlicher, dass wir auch dann noch alles so hinnehmen, wie es ist? Geht ja nicht mehr um unsere Zukunft, wir haben dann den größten Teil unseres Lebens gelebt.

Und solange wir mit dem Elektroflitzer noch nach Osnabrück fahren können, in unsere neue Ferienwohnung an der Nordsee, können wir immer noch sagen: Für uns hat es doch gereicht!

Stand: 08.10.2019, 13:10