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Staubwischen

Kommentar: Ewiger Kampf gegen Blütenstaub, Saharasand, Wollmäuse

Stand: 11.05.2022, 13:10 Uhr

Lohnt es sich im Moment überhaupt, Fensterbänke sauber zu machen, Balkone und Terrassen zu fegen oder mit dem Auto in die Waschanlage zu fahren? Die Natur platzt förmlich aus allen Nähten. Blütenstaub überall, der Kampf dagegen scheint aussichtslos. Dabei haben wir doch eben erst den Saharastaub weggewischt. Man könnte resignieren, es schlecht gelaunt angehen – oder aber eine entspannte Haltung entwickeln.

Von Katja Schwiglewski

Kommentar: Ewiger Kampf gegen Blütenstaub, Saharasand, Wollmäuse

WDR 4 Zur Sache 11.05.2022 01:57 Min. Verfügbar bis 11.05.2023 WDR 4 Von Katja Schwiglewski


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Gestern Abend sieht mich mein Mann mit nicht gerade fröhlichem Gesicht an und sagt: Wir sind nur noch am Putzen. In den letzten Tagen hatte der Gute die Terrasse sauber gemacht, inklusive Gartenmöbel, Grill und Blumenkübel. Den ganzen Tag offene Fenster und Türen bei diesem herrlichen Frühsommerwetter - klar, dass da nicht nur Sonnenschein durch die Wohnung weht. Federleichtes Fisselszeug von Bäumen und Büschen, wattige kleine Bäusche, verwelkte winzige Blütenblätter, feiner gelber Blütenstaub, wohin das Auge reicht. Und er mittendrin, mit dem Lappen in der Hand, die Terrasse im Blick, die auch schon wieder angestaubt wirkt.

Frühjahrsputz ist Sisyphusarbeit. Immer, wenn man denkt, jetzt habe ich es aber geschafft, geht die Arbeit von vorne los. So wie bei diesem armen Kerl aus der griechischen Mythologie. Weil Sisyphos die Götter verärgert hatte, muss er zur Strafe einen schweren Felsklotz den Berg hinaufwälzen. Kurz vor dem Ziel rollt der aber jedes Mal wieder ins Tal und Sisyphos muss von unten neu anfangen – Sinnbild für mühsame, wenig erfolgversprechende Arbeit ohne absehbares Ende.

Aber ist das nicht das Prinzip des Lebens? Mit vielem werden wir niemals fertig. Nicht nur die Hausarbeit ist eine tagtägliche Wiederholung des immer Gleichen. Manchmal erwische ich mich im Bad bei komischen Gedanken, beim Zähneputzen zum Beispiel. Wieviel meiner Lebenszeit ist dabei wohl schon draufgegangen? Ich habe das mal grob überschlagen: mehr als 120.000 Minuten auf jeden Fall, entspricht 2.000 Stunden – und ein Ende ist nicht in Sicht! Trotzdem werde ich immer wieder meine Zähne putzen, die Wohnung staubsaugen, Unkraut jäten. Kein Grund, sich zu beklagen. Statt das Unvermeidliche mit Leidensmiene zu verrichten, stellen wir uns Sisyphos einfach als glücklichen Menschen vor.