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Brauchen wir einen Einsamkeitsbeauftragten?

Einsamkeit

Brauchen wir einen Einsamkeitsbeauftragten?

Von Ferdinand Quante

Ein trauriger Befund: Jeder zehnte Deutsche fühlt sich einsam, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft. Erstaunlich ist das schon, denn Kommunikation, Austausch, soziale Kontakte, das alles kann man doch heute, in Zeiten des Internets, blitzschnell und rund um die Uhr haben. Erstaunlich vielleicht auch, dass die Politik auf die Einsamkeitsstudie reagiert. Bald schon könnte es in der Bundesregierung einen Einsamkeitsbeauftragten geben.

WDR 4 Zur Sache – Kommentar: Brauchen wir einen Einsamkeitsbeauftragten?

02:29 Min.

Klischeebilder können sehr fest sein. Mein Bild von Einsamkeit ist die alte Frau am Fenster. Versteinertes Gesicht, leerer Blick auf die Straße. Das Leben für sie war einmal, als die Kinder noch im Haus waren, als der Ehemann noch lebte, die Freunde in der Nähe noch nicht gestorben waren.

Klischeevorstellung, wie gesagt, die gar nicht mal falsch ist, aber unvollständig. Ins Bild der Einsamkeit gehören nämlich auch die Jungen. Fast jeder Dritte zwischen 20 und 29 fühlt sich laut Umfrage einsam. Dazu fehlt mir das passende Einsamkeitsbild, denn bei jungen Frauen und Männern denke ich grad umgekehrt an tausend Verabredungen und Partyspaß plus ein Heer von Freunden bei Facebook und Instagram. Ein schnelles, hochkommunikatives Leben.

Genau da liegt oft das Problem. Das schnelle Leben bringt nämlich nicht automatisch schöne Bindungen im Überfluss, es kann ganz im Gegenteil ziemlich einsam machen. Schnell heißt flüchtig, und flüchtig sind in der Regel nicht nur die digitalen Freunde in den sozialen Netzwerken, flüchtig ist auch die Arbeit. Einen Job an einem vertrauten Ort ein Leben lang, das haben längst nicht mehr alle. Heute heißt es beweglich sein. Die Politik hat die Arbeitszeiten flexibilisiert, Abend und Wochenende sind nicht mehr zwingend Ruhezeiten, und mancher muss dorthin gehen, wo es Arbeit gibt, wohin einen die Firma schickt, um dann bald schon wieder weiterzuziehen. Freunde, Bekannte? Die findet man auf die Schnelle auch nicht immer. Schon öffnet sich das Tor zur Einsamkeit.

Wenn jeder Zehnte im Lande sich einsam fühlt, ist das nicht mehr bloß millionenfaches privates Unglück, sondern ein Politikum. Einsamkeit kann krank machen, die vielen einsamen Menschen drohen also zur Belastung für das staatliche Gesundheitswesen zu werden. Deswegen fordert der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach einen Einsamkeitsbeauftragten der Bundesregierung. Mit andern Worten: Der Staat will sich um den Schaden kümmern, den er selbst mit angerichtet hat, mit seinen Maßnahmen zur Flexibilisierung der Arbeit, mit Entscheidungen, die Dörfer veröden lässt. Die einsame Frau am Fenster hat auch mit Politik zu tun.

Dass die jetzt Einsamkeit als Problem erkannt hat und aktiv werden will, ist gut. Nur was genau will sie tun? Die Flexibilisierung abschaffen, Dörfer beleben? Ich bin gespannt.

Stand: 13.06.2019, 00:00