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Einfach nur durchhalten

Das Bild zeigt Menschen mit Masken die in einen Bus einsteigen.

Einfach nur durchhalten

Von Irene Geuer

Machen wir doch mal für einen kurzen Moment aus unserem Herzen keine Mördergrube und gestehen uns mal was ein: Corona hängt uns zum Hals raus. So viele Monate, in denen das Virus den Alltag bestimmt.

Kommentar: Einfach nur durchhalten

WDR 4 Zur Sache 24.09.2020 01:53 Min. Verfügbar bis 24.09.2021 WDR 4 Von Irene Geuer

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So viele Monate, in denen wir vorsichtig waren und verzichtet haben. Länger, als bei jeder Fastenzeit. Und jetzt stehen Herbst und Winter bevor, von denen alle Wissenschaftler sagen, die bergen die größten Gefahren. Bis zum kommenden Frühjahr müssen wir noch einmal die Zeit durchhalten, die hinter uns liegt.

Es wäre so schön, mal eine Pause zu haben. Stecker ziehen, die Welt bleibt stehen. Und wir atmen durch. Ohne Maske. Abstandslos nehmen wir uns in den Arm, begrüßen uns mit Küsschen auf die Wange, halten Hände, ohne an Viren zu denken. So schön wäre es, sich so richtig auf Weihnachten freuen zu können. Das so sinnliche Fest, dem es droht, in abgezählten Kleingruppen gefeiert werden zu müssen. So schön wäre es, nicht täglich über neue Städte und Regionen zu hören, die zum Risikogebiet erklärt werden, denen weitere Einschränkungen bevorstehen.

Ja, ich träume gelegentlich davon. Aber laut habe ich das bisher nicht gesagt. Weil, bringt das was? Ich habe vor vielen Jahren meine Großmutter gefragt, wie sie es im Krieg durchgehalten habe, ständig darüber nachzudenken, wo sie Lebensmittel herbekam. Oder auch mit der Angst zu leben, jederzeit könnte es einen Bombenangriff geben. Kurze Antwort: "Das war eben so, da konnten wir nichts dran ändern." Meine Großmutter hat zwei Kriege erlebt, in beiden wusste sie nicht, wann es ein Ende gab. Und das unterscheidet ihr Durchhalten von meinem heute. Wir wissen, dass die Forscher alles dafür tun, Impfstoffe und Medikamente zu entwickeln, die dem Virus Einhalt gebieten. Wir wissen, dass einfache Regeln Sicherheit geben. Das war damals anders. Noch nicht mal ein ständiges Leben im Luftschutzkeller wäre Garant fürs Überleben gewesen.

Habt Ihr nie gejammert, habe ich meine Großmutter gefragt. Doch, sagte sie, haben wir. Sie hätten aber eben auch immer versucht, sich so gut es geht mit allem zu arrangieren. Sie erzählte mir von Festen, bei denen man aus Nix einen Kuchen gezaubert hätte. Immer gab es irgendjemanden, der eine Flasche Wein auftreiben konnte. Und irgendwie sei es immer weiter gegangen.

Kriegserlebnisse sind mit dem, was wir derzeit mitmachen, kein Vergleich. Wir jammern, ich jammere, auf hohem Niveau. Das Ende dieser Pandemie ist absehbar, auch wenn es noch ein Jahr dauern sollte, bis ein Impfstoff fertig ist. Und bis dahin haben wir es in der Hand. Wir sind die Welle, hat der Virologe Drosten gesagt und gemeint: Wenn wir wollen, bricht sie nicht über uns herein. Also: Halten wir durch.

Stand: 24.09.2020, 13:10