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Kommentar: Sonntags in die Bücherei?

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Kommentar: Sonntags in die Bücherei?

Von Irene Geuer

Die NRW-Landesregierung will "dritte Orte" schaffen. Das hört sich mysteriös an, ist aber nichts anderes als die abgeguckte Idee eines amerikanischen Soziologen, der gesagt hat, neben dem ersten Ort, der Wohnung, und dem zweiten Ort, dem Arbeitsplatz, muss es auch noch etwas Drittes geben. Einen Ort, an dem sich alle Menschen, quer durch die Gesellschaft, treffen können, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Deshalb will die Landesregierung, dass künftig die Büchereien in NRW sonntags öffnen dürfen. Denn dort könnten solche "dritten Orte" entstehen.

WDR 4 Zur Sache - Kommentar: Sonntags in die Bücherei?

WDR 4 Zur Sache 24.04.2019 01:58 Min. WDR 4

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Es gab in meiner Jugend einen Ort, wo wir für ein paar Stunden der Tristesse eines Sonntagnachmittags entfliehen konnten: die Pfarrbücherei. Ich habe dort als Schülerin eine Zeit lang Dienst getan, und sie war tatsächlich eine kleine Oase damals, da man als Kind am Sonntag keinen Besuch bekommen durfte.

Schulfreundinnen kamen also in der Pfarrbücherei vorbei, wir hatten was zu kichern und zu plaudern. Obwohl, damals galt noch die Flüsterregel. Lautes Sprechen in einer Bücherei? Verboten! Aber das kriegten wir hin. Es war schön. Und so bekomme ich ein warmes Gefühl, wenn ich von den Plänen der Landesregierung lese, den Büchereien allgemein das Öffnen am Sonntag zu erlauben.

Da werden sich bestimmt Leute treffen. Viele ältere Menschen leben allein. Und der Sonntag ist da eine Herausforderung. Ich glaube, auch Jugendliche werden hingehen. Wahrscheinlich nicht wegen der Bücher, also ähnlich wie wir damals. Vielleicht auch, um sich einen Film anzuschauen oder ein Videospiel zu machen. Warum nicht?

Nun will aber die Landesregierung nicht nur einfach Büchereien öffnen, sondern darin auch den "dritten Ort" schaffen, wo es viele kulturelle Angebote für Menschen gibt, die sich gerne treffen. Wie das genau aussieht, ist so manchem in der Regierung auch nicht ganz klar. Aber es hört sich gut an. Zumal die Politiker ganz stark auf das ehrenamtliche Engagement setzen.

Das aber wird nicht reichen. Denn anders als damals, wo uns allein der Treffpunkt reichte, gelten heute ganz andere Standards. Um ein "dritter Ort" im Leben der Menschen zu werden, braucht es z. B. Gemütlichkeit, es braucht Abwechslung, es braucht Individualität und jemanden, der das organisiert, der sich kümmert und auch dafür sorgt, dass alles schön sauber bleibt.

Ob die Landesregierung dafür Geld hat? Ob damit tatsächlich Städten geholfen wird, die kaum Geld haben für Kultur und Freizeit? Wie Gelsenkirchen, wo das Durchschnittseinkommen am geringsten ist, was gerade eine Studie ergeben hat – werden da "dritte Orte" entstehen, kleine Oasen für die Bewohner? Ich bin gespannt und hoffe, dass wir es nicht wie so oft mit einer Fata Morgana zu tun haben.

Stand: 24.04.2019, 00:00