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Kommentar: Doppelbestrafung ungewollt Kinderloser

Ein Stempel mit der Aufschrift "kinderlos" steht auf Geldscheinen

Kommentar: Doppelbestrafung ungewollt Kinderloser

Von Stephan Karkowsky

Die Bundesregierung will Kinderlose erneut stärker zur Kasse bitten. Schon jetzt zahlen sie 0,25 Prozentpunkte mehr in die Pflegeversicherung. Das Bundeskabinett will am Mittwoch beschließen, den Zuschlag auf 0,35 Prozentpunkte anzuheben. Stephan Karkowsky hält das nicht nur für unfair – sondern auch für grundgesetzwidrig.

Kommentar: Doppelbestrafung ungewollt Kinderloser

WDR 4 Zur Sache 31.05.2021 01:40 Min. Verfügbar bis 31.05.2022 WDR 4 Von Michel Mertens


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Im Film weint immer das ganze Kino, wenn der Arzt beim Ultraschall den Herzschlag nicht findet und zum jungen Paar sagt: Tut mir leid! Die Kamera zoomt dann gerne auf die roten Augen der Mutter, die keine mehr ist. Auf das hilflose Gesicht des Vaters, der nie einer sein wird.

Wie kann es sein, dass uns die Schicksale ungewollt kinderloser Paare einerseits zu Tränen rühren – und wir sie andererseits für genau dieses Schicksal finanziell bestrafen wollen – als wären sie Parias, unnütze Schmarotzer, Profiteure gar der eigenen Kinderlosigkeit?

Wie oft hört man Eltern sagen, die Geburt meines Kindes war der glücklichste Tag meines Lebens? Wer von Ihnen würde seine Kinder, Enkel oder Urenkel eintauschen gegen ein größeres Auto, einen längeren Urlaub, eine größere Wohnung? Wie kommt man überhaupt auf die merkwürdige Idee, das unbezahlbare Glück der Elternschaft nur als finanzielle Belastung zu sehen?

Wir ungewollt Kinderlosen zahlen klaglos unsere Steuern – auch für Kitas, für Schulen und Universitäten, die unsere Kinder nie in Anspruch nehmen können. Manche von uns sind reich, andere arm, manche werden trotzdem glücklich, andere werden depressiv. Aber die meisten von uns haben sich ihr Schicksal nicht ausgesucht.

Artikel 3 des Grundgesetzes besagt: Niemand darf benachteiligt werden. Das bedeutet auch: Niemand darf höher besteuert werden, wenn er andere Anschauungen hat oder eine Behinderung. Solange der Staat mithilfe der Medizin nicht garantiert, dass wirklich jeder seinen Kinderwunsch erfüllen kann, solange darf es keine Strafbesteuerung von ungewollt Kinderlosen geben. Alles andere bleibt ein Skandal.

Stand: 31.05.2021, 12:38