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Kommentar: Was heißt denn eigentlich divers?

Figuren von Mann und Frau mit intersexuellem Geschlechterzeichen

Kommentar: Was heißt denn eigentlich divers?

Von Stephan Karkowsky

Seit diesem Jahr kann man sich als Geschlecht im Geburtenregister "divers" eintragen lassen. Was bedeutet das eigentlich? Für die Betroffenen: Erleichterung, Befreiung, keine Ausgrenzung, Akzeptanz, entspanntere Möglichkeiten, sich selbst zu finden. Für die Gesellschaft: Sie muss sich an etwas Neues gewöhnen.

Kommentar: Was heißt denn eigentlich divers?

WDR 4 Zur Sache | 03.01.2019 | 02:03 Min.

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Vielleicht sollten wir zunächst mal klären, für wen das neue Gesetz nicht gedacht ist. Nämlich für Menschen, die ihr biologisches Geschlecht ändern wollen, weil sie das Gefühl haben, im falschen Körper geboren zu sein.

Das sind Transsexuelle. Bei deren Geburt bestand in der Regel biologisch kein Zweifel daran, ob sie Junge oder Mädchen waren. Bei etwa jedem 500. Neugeborenen aber können Arzt und Hebamme das Geschlecht nicht eindeutig bestimmen.

Bislang mussten sie dann eine Entscheidung treffen, die nicht selbstbestimmt sein konnte. Denn Intersexuelle sind weder weiblich noch männlich. Schätzungsweise 160.000 diverse Menschen leben allein in Deutschland.

Intersexualität ist keine Krankheit. Sie ist auch keine Behinderung, die dringend korrigiert werden sollte, wie eine Gaumenspalte. Deshalb ist es wichtig, dass jetzt auch Sprache und Verwaltung ein drittes Geschlecht zulassen. Damit wird Intersexualität so normal wie, sagen wir, Menschen mit roten Haaren, von denen es bei uns auch weniger als fünf Prozent gibt.

Was den Umgang mit Intersexuellen kompliziert macht, ist unser Schwarz-Weiß-Denken. Viele können sich nicht vorstellen, dass sich jemand zugleich als Türke und Deutscher fühlt, Frauen UND Männer sexuell begehrt oder Fan von Schalke UND Dortmund ist.

Ich finde ja, die Uneindeutigen sind oft die interessanteren Menschen. Eindeutigkeit erspart uns das Nachdenken und erleichtert die Orientierung. Die Realität ist allerdings selten nur schwarz oder weiß. Wenn Intersexuelle nun endlich schamfrei leben können, weil sie als Teil dieser Realität anerkannt werden, werden wir ihnen hoffentlich auch öfter begegnen.

Bislang passen sich viele den geltenden Normen an und leben möglichst unauffällig als Mann oder Frau. Erst die Möglichkeit, gleich bei der Geburt anerkannt zu werden als Divers, vervollständigt ihre Menschenwürde.

Sicher wird es ein paar Jahre dauern, bis sich alle daran gewöhnt haben. Aber ich bin mir sicher: Das dritte Geschlecht wird unsere Gesellschaft bereichern.

Stand: 03.01.2019, 13:10