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Kommentar: Digitaler Impfpass – mal wieder ein Pandemie-Mangelangebot

Gesundheitsminister Jens Spahn zeigt den digitalen Impfpass auf Pressekonferenz

Kommentar: Digitaler Impfpass – mal wieder ein Pandemie-Mangelangebot

Von Irene Geuer

Ab heute können wir also den digitalen Impfpass in den Apotheken bekommen. Praktisch sieht es aber so aus, dass hier in Nordrhein-Westfalen maximal zehn Prozent der Apotheker überhaupt schon mitmachen. Weil: Die Ankündigung von Gesundheitsminister Spahn kam ein bisschen schnell, sagt der Apothekerverband. Um Geduld wird gebeten. Wie so oft.

Kommentar: Digitaler Impfpass

WDR 4 Zur Sache 14.06.2021 01:42 Min. Verfügbar bis 14.06.2022 WDR 4 Von Irene Geuer


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Mittlerweile hat Jens Spahn den Spitznamen "Ankündigungsminister". Und als dieser macht er einen richtig guten Job. Locker und freundlich sitzt er regelmäßig in der Bundespressekonferenz und erzählt vor himmelblauer Wand, was demnächst kommen wird. Vergangene Woche war es der digitale Impfpass, den es ab heute gibt, beziehungsweise geben kann. Theoretisch. Viele Apotheken hatten bereits kurz nach der Ankündigung Anrufe ohne Ende von Menschen, die Jens Spahn zugehört hatten und demnächst mit dem Pass im Smartphone in den Urlaub fahren wollen. Aber Pustekuchen. Es fehlt an der Infrastruktur in den Apotheken, die noch aufgebaut werden muss. Die Ankündigung des Ministers: Zu kurzfristig.

Ich habe in den vergangenen Wochen immer mal wieder bei der Hotline für die Vergabe der Impftermine angerufen und mit den Menschen dort gesprochen. Die können ein Lied von Ankündigungen singen. Aufhebung der Impfpriorität – das erfahren Hotliner, genauso wie alle anderen Menschen, aus der Presse. Bei ihnen sind keine Termine freigeschaltet, geschweige denn, dass Impfstoff verfügbar wäre. Und dann wundern sich alle, dass die Stimmung der Anrufer aggressiv ist? Mich wundert das nicht. Oder nehmen wir die Ankündigung, dass Kinder ab zwölf Jahren geimpft werden können. Es fehlt bis heute an allem, um das gut umzusetzen.

Das geht so nicht. Das ist menschenunwürdig. Alle Beteiligten werden durch solche Politik kirre gemacht. In Berlin wird den Impfwilligen etwas versprochen, in Bochum, Kall oder Meschede können die Organisatoren es aber beim besten Willen nicht so schnell umsetzen. Das ist Wahlkampf von der schlimmen Sorte: Er geht auf unsere Kosten. Erst denken, dann vorbereiten und dann verkünden, das wäre der richtige Weg. Aber das braucht Zeit und die Geduld eines Ministers. Die hat er nicht, stattdessen nutzt er unsere schamlos aus.

Stand: 14.06.2021, 12:46