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Kommentar: Die Sache mit dem Fleisch

Halbe Schweine hängen in einem Schlachthof an Haken

Kommentar: Die Sache mit dem Fleisch

Von Ferdinand Quante

Es soll etwas geschehen. Am Nachmittag kommen Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner und ihre Amtskolleginnen aus Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen mit Fleischproduzenten und Verbraucherschützern zusammen. Sie wollen beraten, wie man bessere Bedingungen in Schweine- und Rinderställen und in den Schlachthöfen schafft. Auch um die oft allzu niedrigen Lebensmittelpreise soll es gehen, denn vor allem beim Fleisch ist der Zusammenhang von Ramschpreis, Tierquälerei und Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern unübersehbar.

Kommentar: Die Sache mit dem Fleisch

WDR 4 Zur Sache 26.06.2020 02:06 Min. Verfügbar bis 26.06.2021 WDR 4 Von Ferdinand Quante

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Abgepackte Schnitzel in der Tiefkühltheke sehen und zapp zugreifen, wenn sie schön billig sind. Ewig lange hat das bei mir reflexhaft funktioniert, aber es geht nicht mehr, nicht erst seit gestern. Wie Schweine und Rinder eingepfercht leben und beim oft tagelangen Transport zu den Fleischfabriken weiter leiden müssen, ist seit Jahr und Tag bekannt, und es hat meinen Billigreflex beim Fleischkauf dann auch ab und an gehemmt, nicht aber gestoppt.

Jetzt ist allerdings Schluss. Jetzt erst, muss ich sagen, denn natürlich hab ich schon gewusst, wie grauslich die Arbeit in den Fleischfabriken ist, wie miserabel die aus Osteuropa geholten Schlachter und Fleischzerleger untergebracht sind, und gehört hatte ich auch von dem Sub-sub-sub-System der Arbeitsvermittlung, bei dem am Ende niemand mehr für nichts Verantwortung trägt.

Alles in allem ist es da wohl ein bisschen spät für moralische Selbstanklagen, und auf Tönnies herumhacken will ich nachträglich auch nicht, dafür haben wir einfach zu lange gemeinsame Sache gemacht. Er lieferte gnadenlos Billigfleisch, und ich hab’s oft genug gnadenlos gekauft.

Ohne Corona wär’s so vielleicht noch länger weitergegangen. Es ist schon interessant: Erst wo das Virus in die Fleischfabriken eingedrungen ist, dringt der Schlamassel, der dort herrscht, für alle unübersehbar heraus. Denn durch das Virus ist die Billigfleischproduktion direkt gefährlich geworden, nicht mehr nur für die Beschäftigten, sondern für jeden, der im Umkreis lebt.

Corona liefert praktisch die Quittung für unseren Billigkonsum, wobei – genaugenommen haben wir sie uns selbst geliefert. Das Virus ist ja nicht einfach so in Gottes freier Natur entstanden, es ist Produkt moderner Lebensverhältnisse.

Die Quittung, die wir nun haben, hat eine simple Botschaft: Es muss sich einiges ändern. In der Fleischindustrie sowieso und bei unseren Kaufgewohnheiten auch. Nur ob das allein schon reicht, wage ich zu bezweifeln.

Stand: 26.06.2020, 13:10