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Kommentar: Der Fluss ist mein Zuhause

Der Fluss Emmer bei Lügde

Kommentar: Der Fluss ist mein Zuhause

Von Stephan Karkowsky

Die Politik hat ein großzügiges Wiederaufbauprogramm angekündigt für die betroffenen Hochwassergebiete. Darunter auch Millionen an Soforthilfen für die Betroffenen. Damit alle möglichst bald wieder zurück können in ihr Zuhause. Aber will das überhaupt jeder, nach einem solchen Erlebnis? Stephan Karkowsky kommentiert.

Kommentar: Der Fluss ist mein Zuhause

WDR 4 Zur Sache 20.07.2021 01:38 Min. Verfügbar bis 20.07.2022 WDR 4 Von Leonard Putz


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Mein Elternhaus steht auf einer Flussinsel. Rechts und links fließt die Emmer. Ein hübscher Fluss, der sich von Bad Driburg aus durch Nieheim, Steinheim, Schieder, Lügde und Bad Pyrmont Richtung Weser schlängelt. Von den Unwettern war mein Zuhause diesmal nicht betroffen.

Hochwasser aber ist für uns normal: Als Kinder liebten wir die Tage, an denen wir nicht zur Schule mussten. Weil die Brücke überflutet war. Wir kennen auch die Gefahr: Der kleine Bruder eines Mitschülers ertrank vor Jahren in den Fluten. Niemand im Dorf wird das je vergessen.

Als jugendlicher Fahranfänger hatte ich einmal fast meinen alten Alfa Romeo versenkt, weil ich die überflutete Straße unterschätzt hatte. Die Emmer ist für uns Heimat, genau wie die Ahr für die Bewohner des Ahrtals, oder für alle, die an Erft, Inde, Wupper, Rhein und Ruhr leben. Das Leben am Fluss ist mehr als nur Wohnen. Es ist an schönen Tagen das pure Glück.

Nach der Katastrophe aber fragen wir uns: Wie lange noch? Müssen jetzt alle umdenken, die in Wassernähe wohnen? Können wir das Risiko noch verantworten, mit Blick auf unsere Kinder und Enkelkinder? Sollten die Flutopfer an selber Stelle alles wieder aufbauen dürfen, obwohl die Versicherungen davon abraten?

Möglich sein wird das. Auch dank eines milliardenschweren Aufbauprogramms, das die Bundesregierung morgen beschließen will. Wir wissen: Diese Katastrophe wird nicht die letzte sein. Von daher klingt es unvernünftig, weiter in amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebieten wohnen zu wollen. Aber erklären Sie das mal unserem Heimatgefühl.

Stand: 20.07.2021, 11:59