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Kommentar: Datendaddelei allüberall

Fans von Union Berlin filmen die Aufstiegsfreuden mit dem Handy

Kommentar: Datendaddelei allüberall

Von Ferdinand Quante

Längst gehören Handys fest zu unserem Alltag. Sie sind ja auch in vielen Situationen äußerst hilfreich. Ist man unterwegs und kennt den Weg nicht, die entsprechende App öffnen, und weiter geht's. Tag für Tag gibt es neue Apps, und immer mehr Daten lassen sich abrufen. Fast sieht es so aus, als hätte man bald die ganze Welt im Handy. Auch die Fußballwelt. Im Stadion in Wolfsburg kommt es in der kommenden Saison zu einer regelrechten Datenrevolution.

Kommentar: Datendaddelei allüberall

WDR 4 Zur Sache 08.07.2019 02:11 Min. Verfügbar bis 07.07.2020 WDR 4

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Es ist ja schon heute nicht mehr so, dass die Zuschauer im Stadion nur auf den Rasen gucken. Irgendwann während des Spiels zückt ja so gut wie jeder sein Handy, und dann geht der Blick weg vom Spielfeld aufs Display: Irgendein Anruf, eine WhatsApp, ein Foto, das man macht, eine Info, die man fix aus dem Netz zieht.

Auch wenn sie mittlerweile ganz normal ist, diese Daddelei, finde ich sie trotzdem ein bisschen verrückt, aber richtig verrückt wird's ja erst noch, und zwar in Wolfsburg. Nächste Saison gibt's da im Stadion das neue, schnelle 5G-Mobilfunknetz und passend dazu das Angebot, ein Bundesligamatch mal ganz anders zu erleben.

In Echtzeit soll nämlich das laufende Spiel in rund 1600 Ereignisse digital zerlegt werden, und auf dem Handy kann der Zuschauer dann die dollsten Daten direkt erdaddeln: Wie schnell ein Spieler gerade läuft, mit wie viel Krawumms er den Ball schießt und wie oft er ihn geschoben, gelöffelt und gelupft hat, vielleicht noch die Zahl der Muskeln, die beim herausfliegenden Torwart aktiv sind, und die Gesamtfläche seiner Tattoos in Quadratzentimetern, jedenfalls wird alles vom Rasen geholt, kleingehackt und als Datengeschnetzeltes frisch auf dem Bildschirm serviert.

Wer ordentlich davon futtert, kriegt vom Spiel natürlich nichts mehr mit, und wenn dann zu Hause jemand nach dem Ergebnis fragt, kann man immerhin sagen, dass der rechte Innenverteidiger Schuhgröße 44 hatte und einmal 32 km/h schnell war. Wahnsinn!

Die Welt zerfällt, und nicht nur beim Fußball. Bei jeder Gelegenheit stiert man aufs Handy, ich ja auch. Stehe da neulich auf einem Berg, und statt den prächtigen Blick ins Tal zu genießen, suche ich sinnlos nach irgendwelchen Infos über das Tal, das ich dann kaum noch sehe.

Immer mehr Daten, immer weniger Wahrnehmung. Was nützt es mir, wenn mein Handy restlos alles über die Bratwurst weiß, die ich gerade auf den Grill lege? Am Ende habe ich mir tausend Infos in zehn Minuten reingepfiffen, und die Wurst ist inzwischen kohlrabenschwarz.

Stand: 08.07.2019, 13:10