Ostermarsch 2003 in Hamburg

Kommentar: Das Dilemma der Ostermärsche

Stand: 14.04.2022, 13:10 Uhr

Auch dieses Jahr gibt es zu Ostern die traditionellen Ostermärsche für den Frieden, wie immer seit Ende der 50er Jahre. Ursprünglich gedacht als Zeichen gegen die atomare Aufrüstung. Aber sind pazifistische Demonstrationen angesichts des Leids der Ukrainer noch zeitgemäß? Stephan Karkowsky sagt: Ja, aber …

Von Stephan Karkowsky

Kommentar: Das Dilemma der Ostermärsche

WDR 4 Zur Sache 14.04.2022 01:42 Min. Verfügbar bis 14.04.2023 WDR 4 Von Stephan Karkowsky


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Schwerter zu Pflugscharen – das war auch für mich jahrzehntelang DIE biblische Friedensbotschaft zu Ostern. Im Prinzip ist sie das immer noch – als Utopie einer Welt ohne Waffen. Klar: Heute scheint es vernünftig, der Ukraine Waffen zu liefern im Kampf gegen die russischen Angriffskrieger. Die Ukraine verteidigt schließlich auch unsere Demokratie. Nur: Was passiert, wenn die Situation außer Kontrolle gerät? Wenn diese Waffen am Ende – wie so oft in Kriegen – in die falschen Hände geraten?

Wer solche Bedenken äußert, hat es nicht leicht dieser Tage. Manche vergreifen sich sogar im Ton, wie der FDP-Außenpolitiker Graf Lambsdorff. Der sagt: "Wenn Ostermarschierer jetzt Abrüstung fordern und in Interviews vorschlagen, die Ukraine 'gewaltfrei zu unterstützen', spucken sie den Verteidigern Kiews und Charkiws ins Gesicht. Sie […] schützen die Mörder und Vergewaltiger von Butscha, Irpin und Mariupol."

Das ist natürlich grober Unfug. Die Ostermarschierer sind nicht die fünfte Kolonne Putins. Das sind eher Linke wie der Spiegel-Erbe Jakob Augstein, der die Ukraine zur Kapitulation aufruft. Und damit implizit sagt: Wenn Ihr weiterkämpft, tragt Ihr für Eure Toten selbst die Schuld.

Das ist naiv. Und dumm. Was wir stattdessen brauchen, ist ein neuer, realistischer Pazifismus. Der anerkennt, dass nur Macht Garantien geben kann für den Frieden. Militärische Macht.

Wie heißt es bei Schiller? Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Heute wissen wir: Der böse Nachbar heißt Russland. Das sollten die Ostermarschierer anerkennen. Dann muss niemand seine pazifistischen Ideale aufgeben.