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Kommentar: Der Mensch ist kein Virus

Frau mit Mundschutz vor einer Apotheke

Kommentar: Der Mensch ist kein Virus

Von Ferdinand Quante

Keine Nachrichtensendung mehr ohne neue Meldungen zum Coronavirus. In China breitet sich der Erreger rasant aus, die Lage dort ist besorgniserregend, keine Frage. Aber hier in Deutschland? Ein Dutzend mit dem Coronavirus infizierte Menschen gibt es bei uns, sie sind in Quarantäne und werden medizinisch betreut. Kein Anlass zur Panik also, aber den Fakten zum Trotz scheint doch die Angst im Lande umzugehen. Und treibt dabei auch schon mal seltsame Blüten.

Kommentar: Der Mensch ist kein Virus

WDR 4 Zur Sache 05.02.2020 02:15 Min. Verfügbar bis 04.02.2021 WDR 4

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Greift das Coronavirus wirklich nur die menschliche Lunge an? Ich weiß nicht, aber diese Frau, die in Köln in einen Asiamarkt geht, um Sojabohnen zu kaufen, und dabei ihrer Tochter befiehlt, sich den Schal vor den Mund zu ziehen, um nicht von dem chinesischen Verkäufer infiziert zu werden – beweist diese Frau nicht, dass das Coronavirus auch hier und da den Kopf angreift?

Die Frau soll den Asiamarkt schleunigst verlassen haben. Draußen war sie ja dann in Sicherheit, wenn man mal davon absieht, dass es in Köln aktuell rund 500 Grippekranke gibt. In ganz Deutschland sind es rund 20.000. 42 von ihnen sind gestorben. An der Grippe wohlgemerkt!

Grippeviren lösen, soviel ich weiß, keine Panik aus. Das Coronavirus kann das. Dazu muss es nicht einmal nachweislich in der näheren Umgebung sein. Die bloße Vorstellung, es wäre da, genügt. Und Vorstellung heißt jetzt nicht, dass man kleine haarige Virenkugeln vor seinem inneren Auge sieht, nein, man sieht Gesichter. Das Coronavirus ist für uns, für uns alle, mit Chinesen oder chinesisch aussehenden Menschen verknüpft.

Zum Kurzschluss im Kopf kommt es freilich, wenn man aus lauter Angst alle Chinesen für Viren auf zwei Beinen hält. Die Frau im Kölner Asiamarkt wäre in ihrer Panik ja nur komisch, hätte ihr Auftritt nicht verletztend gewirkt. Der chinesische Verkäufer fühlte sich völlig zu Recht diskriminiert. Und der chinesische Tourist, dem man in Berlin den Zutritt in ein Restaurant verweigerte, wahrscheinlich auch.

Die gelbe Gefahr, davor hat damals schon mein Geschichtslehrer gewarnt. Ob das Coronavirus die alte rassistische Angst vor den flutartig über uns kommenden Chinesen nachhaltig befeuern wird – ich weiß es nicht. Aber eins zeigt sich immerhin deutlich: Wir unterscheiden zwischen heimischen und fremden Viren. Zwölf hier bei uns mit dem Coronavirus infizierte Menschen sorgen für mehr Wirbel als 20.000 Grippekranke.

So ganz zu fassen ist das nicht.

Stand: 05.02.2020, 13:10