Kommentar: Wenn die Coronaregeln baden gehen

Usedom Strand

Kommentar: Wenn die Coronaregeln baden gehen

Von Irene Geuer

Die Bilder vom Wochenende sind schon schweißtreibend. Tausende Menschen, leichtbekleidet, stehen an oder in einem Wasser, um sich Erfrischung zu verschaffen. Und gleichzeitig verstoßen sie gegen die Corona-Regeln. An vielen Seen waren die Ordnungsämter mit Mann und Maus unterwegs, um für Abstand und Maske zu sorgen. Das ist anstrengend, das macht viele, die die Bilder sehen, wütend. So nach dem Motto: Können sich die Leute nicht benehmen und an die Regeln halten? Irene Geuer sagt in ihrem Kommentar: Mal nicht so schnell mit dem Verurteilen!

Kommentar: Wenn die Coronaregeln baden gehen

WDR 4 Zur Sache 10.08.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 10.08.2021 WDR 4

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Jaja, da sitzt der Nachbar in seinem Garten unterm Baum und schaut sich die Badebilder vom Wochenende an. Covidioten meint er. Die müssten alle sofort hart bestraft werden.
Die Bilder sind schon aufsehenerregend – für Coronazeiten. Lange Schlangen parkender Autos an den Straßen rund um die Seen. Lange Schlangen vor den Eingängen. Und dann dicht an dicht Körper aller Art auf dem Sandstrand. Manche Fotos erinnern mich an Robbenkolonien. Eigentlich die Bilder eines ganz normalen Hochsommertages, wenn es dieses Virus nicht gäbe.

Aber nun haben wir eben nicht Normalzeit und wir ticken anders. Viele nehmen sich zurück, nehmen die Regeln wahr, nehmen die Krankheit konsequent ernst und schützen damit sich und andere. Das sind die Guten, keine Frage. Und die regen sich auf. Verständlich.

Aber die, die da am Wochenende zum See gepilgert sind, die muss man nicht gleich verurteilen. Zweizimmerwohnung ohne Balkon mit Kind, sage ich nur. Und vielleicht können Ihre Schweißporen nachempfinden, was das bedeutet, wenn ein Wochenende lang Wüstenhitze herrscht. Einer der Müllwerker, die in unserer Straße die Eimer montags rausstellen, erzählte seinem Kollegen: "Da jehste kapott." Schlecht isolierte 30 Quadratmeter "für teuer Geld". Und dann soll der junge Mann zu Hause bleiben und die Situation tapfer ertragen? Nein, der soll zum See. Er macht nämlich diese Woche mit ähnlichen Temperaturen wieder einen harten Job. Und da hat er sich was verdient. Wie so viele andere, die nach einer anstrengenden Woche einfach mal ihre Seele im See baumeln lassen wollten, aber gar nicht erst hinkamen, weil schon alles voll war.

An das Thema müssen wir anders ran und das Wasser neu organisieren. Mehr Platz schaffen, oder auch selber mal tätig werden und nicht das überfüllte Strandbad wählen, sondern den schattigen Park mit Springbrunnen. Und in den Bädern vielleicht Schichtbetrieb einführen. Morgens bis mittags und mittags bis Abends, besser ein halber Tag am Wasser, als keiner oder ein überfüllter. Also, es gibt sicher bessere Lösungen, als mit Knöllchen zu drohen. Bessere, die uns gut täten in den so anstrengenden Zeiten wie diesen.

Stand: 10.08.2020, 13:10