Kommentar: Corona: Wie viel Wandel können wir ertragen?

Mikroskop-Aufnahme des Viruses

Kommentar: Corona: Wie viel Wandel können wir ertragen?

Von Jörg Brunsmann

Viele hatten ja gehofft, das Thema Corona würde uns jetzt im Herbst langsam mal wieder loslassen. Aber das Gegenteil scheint der Fall zu sein: Immer neue Meldungen, immer neue Entscheidungen auch aus der Politik – und jede Menge Veränderungen, die von und durch Corona vorangetrieben werden. WDR 4-Autor Jörg Brunsmann hat sich in seinem Kommentar damit beschäftigt – und er fühlt sich irgendwie in der Zeit zurückversetzt:

Kommentar: Corona: Wie viel Wandel können wir ertragen?

WDR 4 Zur Sache 10.09.2020 01:58 Min. Verfügbar bis 10.09.2021 WDR 4 Von Jörg Brunsmann

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Wie geht Ihnen das, wenn Sie so die täglichen Meldungen rund um Corona lesen? Nachrichten wie gestern die von der Demonstration der Veranstaltungsbranche in Berlin. "Alarmstufe Rot" haben die das genannt, weil sie kaum noch Aufträge bekommen. Oder die Meldung, dass in der Kölner Innenstadt das einst größte Schuhhaus Deutschlands geschlossen wird. Oder dass die Städte und Gemeinden jetzt Milliarden an Hilfe bekommen, um auszugleichen, dass die Gewerbesteuereinnahmen stark zurückgegangen sind. Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Ich hab inzwischen öfter das Gefühl, ich komm da gar nicht mehr mit. Ich kann die ganzen Meldungen und Entwicklungen nur noch wahrnehmen, aber gar nicht mehr richtig verarbeiten. Es passiert einfach zu viel auf einmal.

Ein bisschen erinnert mich das an die Situation vor gut 30 Jahren. An den Herbst 1989 und das Jahr 1990. Damals, als die DDR plötzlich zusammenbrach und sich die Wiedervereinigung abzeichnete. Plötzlich passierten Dinge, die man vorher jahrzehntelang für unmöglich gehalten hatte.

Und auch jetzt sehen wir ja solche Entwicklungen: Plötzlich dürfen, ja sollen sogar viele von uns im HomeOffice arbeiten. Die Schulen haben das Digitale für sich entdeckt. Es zeichnet sich langsam ein Trend ab, dass Häuser auf dem Land – mit viel Platz drumherum – wieder attraktiver werden. Und auch den Boom der Elektroautos, der gerade beginnt, würde es ohne Corona und die ganzen staatlichen Prämien zur Unterstützung der Autoindustrie so nicht geben.

Wir leben mal wieder in bewegten Zeiten. Und werden uns wahrscheinlich in ein paar Jahren wundern, was sich alles verändert hat. So wie damals in den 90ern, als viele ja auch erstmal realisieren mussten, was da gerade passiert war.

Meine Hoffnung: Dass es auch diesmal nicht im Chaos endet. Dass wir lernen, mit den Veränderungen umzugehen. Und dass nicht allzu viele Menschen sich abgehängt und alleine gelassen fühlen.

Denn was passiert, wenn Menschen von Veränderungen überrannt werden und sich überfordert fühlen, das hat man jetzt bei den "Anti-Corona"-Demos in Berlin und anderswo sehr deutlich gesehen. Wenn das zum Normalzustand werden sollte – erst dann hätten wir wirklich ein Problem.

Stand: 10.09.2020, 13:10