Kommentar: Kennt unsere Solidarität keine Grenzen?

Ein Banner mit der Aufschrift "Solidarität ist unsere Waffe, gemeinsam gegen den Virus" hängt an einer Autobahnbrücke

Kommentar: Kennt unsere Solidarität keine Grenzen?

Von Ferdinand Quante

Dramatische Zeiten können Gutes wecken, das zeigt die Coronakrise. Wellen der Hilfsbereitschaft gehen durchs Land, Helden des Alltags werden gefeiert, Solidarität ist das Wort der Stunde. Wie lange diese Stunde dauert, weiß man nicht. Denn die Sorge über einen Niedergang der Wirtschaft wächst und mit ihr die Stimmen, die behaupten, dass Solidarität nicht alles ist.

Kommentar: Kennt unsere Solidarität keine Grenzen?

WDR 4 Zur Sache 27.03.2020 02:09 Min. Verfügbar bis 27.03.2021 WDR 4

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"Danke". In schwungvoller Schrift steht’s groß in der Zeitung. Auf einer ganzen Seite bedankt sich ein Betreiber von Kliniken und Pflegeeinrichtungen bei seinen "lieben Mitarbeiterinnen und lieben Mitarbeitern". Dafür nämlich, "dass Sie einfach immer da sind".

Die allgemeine Stimmung für eine solche Anzeige ist jetzt ausgesprochen gut. Hochachtung oder wenigstens Respekt empfindet so gut wie jeder für Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger, ihr selbstloser Einsatz wird aus geöffneten Fenstern heraus beklatscht. Völlig zu Recht. Bei meinem Bäcker klebt an der Eingangstür ein Zettel. Jugendliche bieten älteren Leuten an, für sie einkaufen zu gehen.

Hilfsbereitschaft in der Krise. Es fehlt nicht an Solidarität, und in allen Medien wird sie regelrecht gefeiert, wohl auch, weil man weiß, dass Solidarität gar nicht so selbstverständlich ist und an der Klopapierpalette auch schon mal endet. Das mit dem Klopapier ist allerdings bloß Kinderkram verglichen mit dem Stresstest, der vermutlich auf uns zukommt.

Jetzt schon kann man hören, dass Solidarität nicht alles sei, man müsse auch an die Wirtschaft denken. Ja, viele Betriebe stehen still, Pleiten sind zu erwarten, der ökonomische Zusammenbruch wird drohend an die Wand gemalt. Und mit solch einem Untergangsszenario wird zugleich eine Rechnung aufgemacht: Können wir uns den Schutz aller Bürger und Solidarität mit den besonders gefährdeten älteren Menschen auf Dauer leisten? Müssen wir nicht zügig die Beschränkungen im öffentlichen Leben aufheben und viele Todesopfer in Kauf nehmen, um Wirtschaft und Aktienmärkte zu retten? Geld oder Leben?

Noch stehen wir nicht vor dieser Frage und wenn wir Glück haben und die Pandemie halbwegs glimpflich verläuft, bleibt uns die handfeste Antwort darauf erspart. Ganz falsch wär’s aber wohl trotzdem nicht, sich jetzt selbst mal zu fragen, wie weit die eigene Solidarität im Zweifel reicht.

Stand: 27.03.2020, 13:10