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Kommentar: Obdachlose und die Coronaimpfung

Obdachloser am schlafen auf der Straße

Kommentar: Obdachlose und die Coronaimpfung

Von Jörg Brunsmann

Vielleicht haben Sie es vorhin schon bei WDR 4 gehört: Obdachlose in Nordrhein-Westfalen sollen jetzt bevorzugt gegen Corona geimpft werden. Das betrifft bei uns im Land fast 50.000 Menschen. Richtig so, findet Jörg Brunsmann in seinem Kommentar "Zur Sache". Er sieht es als kleines Zeichen von Solidarität – die uns leider immer öfter verloren geht.

Kommentar: Obdachlose und die Coronaimpfung

WDR 4 Zur Sache 20.04.2021 01:40 Min. Verfügbar bis 20.04.2022 WDR 4


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Haben Sie auch gerade diesen Eindruck? Die Solidarität, das, was unser Leben letztes Jahr zu Beginn der Pandemie so sehr geprägt hat, geht Schritt für Schritt verloren. Ein bisschen kann ich es sogar verstehen, denn auch mir geht dieser ganze Dauer-Lockdown gehörig auf die Nerven. Aber kann das eine Entschuldigung sein für immer mehr Impfdrängler, die einem inzwischen begegnen? Da werden uralte Erkrankungen herausgekramt, in der Hoffnung, in der Prioritätenliste weiter nach vorne zu rücken. Da wird dem Hausarzt, der auch Kumpel im Tennisclub ist, Druck gemacht – "Guck doch mal, da geht doch bestimmt was, wir wollen doch auch wieder zusammen ne Runde spielen."

Okay, von manchen habe ich ohnehin keine Solidarität erwartet, deren Lebensprinzip ist es ja, auf Kosten anderer zu leben. Aber längst nicht alle wollen in einer Gesellschaft leben, in der nur Ellenbogen und Geldbeutel etwas bedeuten.

Umso wichtiger und richtiger finde ich jetzt die Impfaktion für Obdachlose. Und auch, dass sie ziemlich im Stillen abläuft, dass sich kein Politiker selbst auf die Schulter klopft und sich dafür lobt. Das wäre auch völlig unangebracht. Obdachlose stehen meist ganz unten in der Gesellschaft, sind meist die letzten, die an der Reihe sind. Dass sie jetzt beim Impfen nach vorne gelotst werden, ist völlig richtig. Kann es ihnen doch eine der vielen Sorgen nehmen, die sie – im Vergleich zu uns – haben. Ich muss keine Angst haben, morgen draußen schlafen zu müssen oder nichts mehr zu Essen zu haben. Und auch wenn es nervt, ich kann auch noch ein paar Wochen die Füße stillhalten – in der Hoffnung, dass wir dann alle gemeinsam aus dem Lockdown kommen. Mit einem Gefühl der Solidarität, das uns vielleicht sogar bis in die Zeit nach Corona begleiten kann.

Stand: 20.04.2021, 12:48