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Die Brötchen sind der Anfang

Eine Bäckereiverkäuferin legt Brote in eine Bäckereiauslage

Die Brötchen sind der Anfang

Von Irene Geuer

Brötchen sind ein fertig produziertes Lebensmittel. Was für eine Erkenntnis, man könnte drüber lachen. Aber nein, diese Erkenntnis brauchte es, um Bäckereien den Verkauf von Brötchen am Sonntag zu ermöglichen. Sie müssen allerdings noch ein paar Stühle und vielleicht zwei Tische aufstellen, um als Café durchzugehen. Damit ist dann auch der Verkauf von Brot erlaubt. Denn, wie die Richter des obersten Gerichts festgestellt haben, auch Brot ist ein fertig produziertes Lebensmittel, was man so essen kann. Wenn man den Mund weit genug aufkriegt.

Die Brötchen sind der Anfang

WDR 4 Zur Sache 18.10.2019 02:07 Min. Verfügbar bis 17.10.2020 WDR 4

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Warum machen wir nicht Schluss mit diesen ganzen Regeln zu den Ladenöffnungszeiten? Ein Gedöne, wenn es um verkaufsoffene Sonntage geht oder um Genehmigungen bei Straßenfesten. Das ist alles der alten Idee geschuldet, wir seien eine Gesellschaft, die gemeinschaftlich die Sonntagsruhe genießt. Der Sonntag gehört weder der Kirche, noch der Familie und auch nicht mehr der Langeweile, so wie das früher mal war.

Als Kind durfte ich sonntags kein anderes Kind zum Spielen einladen. Es wäre auch keines gekommen, weil bei den anderen ebenso die Regel galt, es wird etwas mit der Familie unternommen. Und wenn es nur Spazierengehen war. Meistens war es Spazierengehen. Und das einzige Mädchen, das sonntags auf die Straße durfte, war Sabrina. Deren Eltern galten als asozial. Am Sonntag das Kind auf die Straße schicken. Böse Blicke unserer Eltern. Wer schellt denn da? Am Sonntag? Na klar, Sabrina, die weiß auch nicht, was sich gehört.

Wie sich später herausstellte, waren die Eltern Schichtarbeiter, die Mutter Krankenschwester und sonntags oft im Dienst. Aber das war egal. Sonntags klingelt man nicht und tut auch sonst nichts. Brötchenkaufen wäre damals ein Sakrileg gewesen. Obwohl wir da bereits wussten, dass diese Aufbackdinger aus dem Supermarkt kein Ersatz waren.

Heute dürfen die Bäckereien, wenn sie auch einen Kaffee anbieten, den ganzen Sonntag lang Brötchen verkaufen. Und Sabrina dürfte an unserer Tür klingeln, denn längst ist der Sonntag kein reiner Familientag mehr. Freunde sind willkommen. Und der Sonntag an sich wird als Zeitkontingent gesehen, das man für alles Mögliche nutzen kann. So viele Leute fahren am Sonntag ins Möbelhaus zum Gucken. Kaufen darf man ja nicht. Was nach neusten Erkenntnissen total unökologisch ist. Wer kaufen will, muss noch mal hin. Zwei Fahrten für eine Couch? Ich gehe sehr davon aus, dass sich das ändern wird.

Denn ich habe gelernt, viele, die dann arbeiten müssten, finden das gar nicht so schlecht, weil sie dann in der Woche frei haben. Dann, wenn die vielen anderen arbeiten und es mehr Platz in der Sauna gibt und ein entspannter Termin beim Friseur gemacht werden kann.

Die Brötchen haben den Anfang gemacht. Sofas, Kühlschränke, Jacken, Teppiche werden folgen. Die Gerichte werden mit Sicherheit irgendwann eine passende Erklärung dafür finden.

Stand: 18.10.2019, 13:10