Briefwahl

Kommentar: Briefwahl oder Spaziergang zum Wahllokal?

Stand: 28.04.2022, 13:10 Uhr

Für die Landtagswahl am 15. Mai werden in NRW noch Wahlhelferinnen und Wahlhelfer gesucht. Sie empfangen die Bürgerinnen und Bürger im Wahllokal, reichen die passenden Unterlagen an und helfen bei der Auszählung der Stimmen. Aber ist das Wählen in Präsenz nicht ein Auslaufmodell? Die Briefwahl wird immer beliebter, und gerade unter den Jüngeren fragen sich manche, warum nicht gleich digital abgestimmt wird. Dazu der Mittagskommentar von Katja Schwiglewski.

Von Katja Schwiglewski

Kommentar: Briefwahl oder Spaziergang zum Wahllokal?

WDR 4 Zur Sache 28.04.2022 02:04 Min. Verfügbar bis 28.04.2023 WDR 4 Von Katja Schwiglewski


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Heute habe ich was gehört, von dem ich richtig begeistert bin: In Köln hat sich eine 97-jährige als Wahlhelferin gemeldet. Alle Achtung! Auf dem Weg zur Arbeit sehe ich seit einiger Zeit diese Plakate. Nicht die Plakate mit den Kandidaten der verschiedenen Parteien, die sich für einen Sitz im Landtag bewerben. Die großen Plakate, mit denen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer gesucht werden. Offenbar ist es schwierig geworden, Freiwillige zu finden, die diesen Sonntagsdienst an der Basis unserer Demokratie leisten wollen.

Nun sind bei uns wie in Millionen anderen Haushalten in NRW mittlerweile die Wahlbenachrichtigungen ins Haus geflattert. Damit kann man ja auch den Wahlschein für die Briefwahl beantragen. Ich gehe lieber ins Wahllokal. Das hat Tradition, das ist Kult. Der Spaziergang zur Grundschule, in der sich unser Wahlraum befindet, ist eine schöne Einstimmung. Man sieht andere, die zur Wahl pilgern, und überlegt sich, wo die wohl ihr Kreuzchen machen. Dann das bunt zusammengewürfelte Begrüßungskomitee als Spiegel unserer Gesellschaft: Jung und Alt, Männlein wie Weiblein, flippige Typen und konservative Gestalten, zünftige Erscheinungen und eher verkopfte Charaktere.

Vor ihren Augen mit dem Wahlzettel in der Hand hinter den Sichtschutzwänden der Wahlkabine zu verschwinden, hat etwas Geheimnisvolles, Spannendes, Bedeutsames, in gewisser Weise sogar Erhebendes. Denn nichts und niemand hat jetzt Zugriff auf mich und mein grundgesetzlich geschütztes Wahlrecht, das als frei, gleich und geheim definiert ist. Dass das nicht selbstverständlich ist, wissen wir und wissen es oft doch nicht zu schätzen. Die Briefwahl ist für mich eine Notlösung bei Terminschwierigkeiten. Per Mausklick zu wählen, fände ich befremdlich. Am besten funktionieren Politik und Demokratie immer noch in Gemeinschaft mit echten Menschen, und das ist doch ein sehr guter Grund, sich – wenn‘s zeitlich passt - für den 15. Mai als Wahlhelfer zu melden.