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Bonn und andere Irrtümer vom Lonely Planet

Eine Büste des Musikers und Komponisten Ludwig van Beethoven steht im Garten des Beethoven-Geburtshauses in Bonn

Bonn und andere Irrtümer vom Lonely Planet

Von Stefan Karkowsky

Oberbürgermeister Ashok Sridharan bedankte sich – und war ebenso überrascht wie wir: Dass die Stadt Bonn in den Städtereiseempfehlungen des Reiseführers Lonely Planet auf Platz fünf gelandet ist – unter allen Städten weltweit … Gibt es für diesen Spitzenplatz eine Erklärung?

Bonn und andere Irrtümer vom Lonely Planet

WDR 4 Zur Sache 23.10.2019 02:09 Min. Verfügbar bis 22.10.2020 WDR 4

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Mit einem eigenen Imagefilm stellt Lonely Planet die Top Städtereiseziele 2020 vor. Abrufbar im Internet, und man ahnt: Eigentlich kann das nur Satire sein. Da wird etwa die kreative Energie von Denver gelobt zu Bildern der langweiligen Betonarchitektur. Zum Stichwort "lecker Essen" sehen wir einen Denver-Döner mit Pommes. La Paz in Bolivien wird gelobt für die Seilbahn. Dabei wird Besuchern in der Regel schon am Flughafen schlecht, die Stadt liegt 4000 Meter hoch.

Und dann folgen zwölf Sekunden Bonn! Platz fünf in den Reise-Top-Ten für 2020. Wir sehen: Beethovens Büste! Ein menschenleeres Rheinufer! Und schon geht's nach Galway, Platz vier, eine der hässlichsten und ärmlichsten Städte Irlands. Wollen die uns auf den Arm nehmen?

Glauben die wirklich, die Generation Instagram würde nun in Scharen ins Beethovenhaus pilgern oder ehrfürchtig vor Kohls Strickjacke Selfies schießen im Haus der Geschichte? Bonn hat nicht mal ein eigenes Kapitel im Lonely Planet, sondern wird unter "Köln und das nördliche Rheinland" abgefrühstückt. Was also will uns diese Liste sagen?

Ich glaube: Lonely Planet sagt uns, seht her – wir altern mit unseren Lesern. Die haben Berlin schon abgefeiert, als die Loveparade noch am Ku'damm tanzte. Die waren schon in Thailand, da gabs am Haad Rin Beach auf Ko Phangan noch Strandhütten für 20 Mark. Die kennen Indien noch aus der Zeit, als man in Bhagwans Ashram in Poona durch freie Liebe und Meditation ganz entspannt ins Hier und Jetzt gelangte.

Heute sind nur noch wenige Orte auf dem Planeten wirklich "lonely", also: einsam, und die will der Lonely Planet nun finden. Orte, wo noch niemand war. Alles andere kennt man schon.

Sollten Sie sich dieser Tage das neue Kinomusical mit Heike Makatsch anschauen, fragen Sie sich doch mal, ob man den Titelsong umdichten könnte: "Ich war noch niemals in Denver, ich war noch niemals in La Paz, ging nie in Bonn spazier'n in zerriss'nen Jeans …" Klingt verkehrt. Denn ein Listenplatz allein macht aus Bonn noch keinen Sehnsuchtsort.

Stand: 23.10.2019, 13:10