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Kommentar: Scherben zusammenkehren, Risse kitten

Black Lives Matter Protest In New York

Kommentar: Scherben zusammenkehren, Risse kitten

Von Irene Geuer

Ein junger Mann macht von sich reden. Antonio in den USA. Nach einer Demonstration gegen Rassismus in Buffalo hat Antonio nachts um zwei Uhr zum Besen gegriffen und den ganzen Müll aufgekehrt, der nach dem Protest die Straßen bedeckte. Dafür wurde er mit einem Auto und einem Stipendium belohnt. Zu Recht, sagt Irene Geuer in ihrem Kommentar.

Kommentar: Scherben zusammenkehren, Risse kitten

WDR 4 Zur Sache 08.06.2020 01:48 Min. Verfügbar bis 08.06.2021 WDR 4

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Die Berichte über den Schüler Antonio gehören zu denen, die Hoffnung machen. Deshalb werden sie wahrscheinlich auch so gerne gelesen. Antonio, der den Besen in die Hand nahm und Mülltüten kaufte, um die große Straße sauber zu machen. All das zerbrochene Glas, irreparabel. Aber Antonio zeigt, wie Risse in der Gesellschaft gekittet werden können. Er habe die Straße gekehrt, weil er wusste, dass am nächsten Tag der Berufsverkehr dort fahren müsse. Das hat er Journalisten erzählt. Da habe er eben schon mal angefangen mit Kehren. Und als die Nachbarschaftshilfe am nächsten Morgen kam, sah eigentlich alles schon wieder ziemlich ordentlich aus.

Antonio ist reich beschenkt worden, mit einem Auto und einem Stipendium. Damit kann er tatsächlich sein Wirtschaftsstudium beginnen, für das er zunächst hätte Geld verdienen müssen. Was er später mal machen werde, wird er gefragt, und die Antwort ist rührend. Er wolle ein Reinigungsunternehmen gründen.

Was mir so gut an Antonio gefällt, ist seine Selbstverantwortung. Er hat niemanden gefragt, ob er das tun soll. Er hat nicht gewartet, ob andere mitmachen. Er brauchte keine Unterstützung von irgendwem. Es war einfach für ihn richtig.
Und damit ist er so ein bisschen zum Sinnbild dessen geworden, was wir in Zukunft wirklich mehr brauchen. Selbstverantwortung. Diese vielen Demonstrationen gegen Rassismus derzeit sind wichtig, keine Frage. Auch die Forderung nach einer Polizeireform in den USA, wichtig, ja. Aber wir wissen alle, dass es auf das Alltagsgeschehen ankommt. Und das auch hier bei uns. Die blöden Sprüche, die wir verbieten müssen, Gewalt und das Denken: "Schön, dass es Menschen gibt, die unter mir stehen". All dem müssen wir etwas entgegensetzen. Das ist viel anstrengender, als mit einem Schild irgendwo rumzustehen und Forderungen zu stellen.

Es braucht da mehr Antonios, die im wahrsten Sinne des Wortes den Boden bereiten, damit die Menschen nach einer großen Auseinandersetzung wieder zusammenfinden können.

Stand: 08.06.2020, 13:10