Kommentar: Die SPD ist gesichtslos geworden

Andrea Nahles (l), SPD Vorsitzende, und Lars Klingbeil, SPD Generalsekretär, zu Beginn der Sitzung der Parteivorstandes im Willy- Brandt-Haus. Die SPD erreichte bei der Landtagswahl in Bayern ein Ergebnis von 9,7 Prozent.

Kommentar: Die SPD ist gesichtslos geworden

Von Jörg Brunsmann

Das wird "Der Untergang Bayerns", haben manche im Vorfeld der Landtagswahl geunkt. Dabei ist die CSU gestern doch noch halbwegs gut davongekommen. Die absolute Mehrheit ist zwar weg, aber zusammen mit den konservativen "Freien Wählern" kann man ja ganz gut weiterregieren. Viel heftiger ist das Ergebnis für die SPD. Die Sozialdemokraten sind unter zehn Prozent gerutscht; weniger als die Hälfte der Stimmen, die sie bei der letzten Landtagswahl hatten. Dafür gibt es einen guten Grund, meint Jörg Brunsmann.

Kommentar: Die SPD ist gesichtslos geworden

WDR 4 Zur Sache 15.10.2018 01:57 Min. Verfügbar bis 15.10.2019 WDR 4

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Heute morgen beim Frühstück mit meiner Frau. Wir haben so zusammengesessen und überlegt: "Wie wäre das eigentlich, wenn gestern Landtagswahl nicht in Bayern, sondern bei uns in NRW gewesen wäre? Warum hätten wir die SPD nicht gewählt?"

Und dann war ihre Frage: "Wer ist das denn heute eigentlich, die SPD? Wen hätte man da überhaupt wählen können?" Wir kommen erst mal gar nicht dazu, über Inhalte oder politische Grundsätze reden – sondern landen automatisch bei Personen. Politik wird schließlich von Menschen gemacht. Und jahrzehntelang kannte man die Namen und Gesichter der sozialdemokratischen Politik: Willy Brandt, Helmut Schmidt, Gerhard Schröder, Johannes Rau – um nur ein paar zu nennen. Man muss diese Politiker nicht einmal mögen, aber ich bin mir sicher: Jeder verbindet mit diesen Namen noch etwas.

Und heute? Die SPD ist ziemlich gesichtslos geworden. Andrea Nahles steht höchstens für den aktuellen Niedergang der SPD. Ihr Vorgänger Martin Schulz hätte ein Profil bekommen können, aber man hat ihn nicht wirklich gelassen – er musste die Parolen runterspulen, die andere sich ausgedacht hatten, wahrscheinlich irgendwo in der Marketing-Abteilung. Und das hat man gemerkt. Schulz ist gesichtslos geblieben. Passt aber zur Partei: Denn etwas anderes erträgt die SPD anscheinend gerade nicht.

Sigmar Gabriel, der intern als ziemlicher Stinkstiefel galt, wurde eiskalt weggemobbt. Und hats der Partei was gebracht? Nein. Die Ruhe, die mit Gabriels Weggang in der SPD eingekehrt ist, erinnert an einen Friedhof. Dabei könnten die Sozialdemokraten doch so einfach lernen: Von der FDP.

Nachdem Scheel, Genscher, Lambsdorff oder Westerwelle nicht mehr an der Macht und in den Medien waren, ging es auch mit den Freidemokraten bergab. Erst Christian Lindner, der gerne mal aneckt, hat den Laden wieder in Schwung gebracht. Wie gesagt: Man muss sie nicht mögen, die Leute, die einer Partei das Gesicht geben. Aber ohne diese Menschen ist eine Partei für Wähler nicht greifbar – und auch nicht wählbar. Wer keine Gegner hat, hat auch keine Freunde mehr. Sollte die SPD mal drüber nachdenken – bevor es endgültig zu spät ist.

Stand: 15.10.2018, 13:10