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Kommentar: Der Anleger wird nie satt

Das Werk der Bayer AG im Chemiepark in Leverkusen. Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer will in Deutschland 4500 Stellen abbauen.

Kommentar: Der Anleger wird nie satt

Von Jörg Brunsmann

Jetzt also ist es raus. Von den weltweit 12.000 Stellen, die der Pharmakonzern Bayer streicht, sind alleine in Deutschland 4.500 Arbeitsplätze betroffen. Und das, obwohl es dem Konzern gar nicht schlecht geht. 1,7 Milliarden Euro Gewinn hat man 2018 gemacht. Offenbar nicht genug für das Unternehmen, das schon deutlich bessere Zahlen gesehen hat. Aber mit dem massiven Stellenabbau liegt Bayer ja auch im Trend – auch andere Unternehmen, wie Volkswagen, wollen massiv Stellen streichen. Alle müssen sich unterordnen, damit am Ende ein maximaler Gewinn rauskommt. Jörg Brunsmann findet das ziemlich kurzsichtig.

Kommentar: Der Anleger wird nie satt

WDR 4 Zur Sache 09.04.2019 02:09 Min. WDR 4

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Kennen Sie noch die "Weissagung der Cree"? "Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann." Der Spruch klebte in den 70er und 80ern auf dem Kofferraumdeckel vieler Autos und war quasi das Erkennungszeichen der Umweltbewegung.

Mit Blick auf die ganzen Entlassungen könnte man das gut umtexten: "Erst wenn der letzte 50-Jährige im Vorruhestand ist, die letzte Bürofachkraft outgesourced und der letzte Angestellte entlassen wurde, werdet ihr feststellen, dass Maschinen nichts kaufen."

Es ist ja leider so. Für Vorstandsvorsitzende und Aktionäre sieht das ideale Unternehmen so aus: Keine lästigen Beschäftigten, die krank werden oder für mehr Geld streiken – stattdessen nur noch Maschinen, die quasi ganz von alleine jede Menge Profit machen.

Für die Menschen, die da ihren Job verlieren – auch wenn das sozial abgefedert passiert – ist das eine Demütigung und eine Entwertung des eigenen Arbeitslebens. Stolz sein auf das, was man geleistet hat? Sich freuen, dass es dem Unternehmen und damit einem selbst gut geht? Kann man nur noch sehr begrenzt, denn kaum hat der Vorstand das Rekordergebnis des letzten Jahres verkündet, heißt die neue Marschrichtung: "Noch mehr Gewinn!" Moderne Firmen und ihre Anleger werden nie satt.

Und beim Wettrennen nach noch mehr Gewinn werden ansonsten geizige Firmen ja plötzlich auch sehr spendabel. Man muss sich das mal vor Augen halten. Die Stellenstreichungen und Änderungen bei Bayer sollen helfen, pro Jahr 2,6 Milliarden Euro einzusparen. Für den Glyphosat-Laden Monsanto, der Bayer schon jetzt richtig Probleme macht, hat man mal eben 59 Milliarden Euro auf den Tisch gelegt. Also mit anderen Worten: 22 Jahre Einsparungen und der Kaufpreis wäre wieder drin. Welchen Wert hat da noch die Arbeitskraft eines einzelnen Beschäftigten? Wie klein muss man sich angesichts solcher Zahlen vorkommen?

Menschen arbeiten nicht nur, um Geld zu verdienen. Sie wollen sich beweisen, sie wollen etwas Sinnvolles leisten und dafür auch Anerkennung bekommen. Die dritte Stelle nach dem Komma in der Bilanz zu sein und mal eben wegrationalisiert zu werden, damit der Gewinn weiter steigt – möchte man so behandelt werden? Kein Wunder, dass kaum mehr jemand sagt: "Ich arbeite total gerne – und meine Firma, das ist ein richtig tolles Unternehmen!"

Stand: 09.04.2019, 13:10