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Kommentar: Auf Abstand

Köln Hauptbahnhof

Kommentar: Auf Abstand

Von Stephan Karkowsky

Polizei und Ordnungsamt mussten am Wochenende mehrfach große Menschenansammlungen im Rheinland auflösen. Bei den hochsommerlichen Temperaturen zog es viele bis in die Nachtstunden nach draußen. Dabei wurde häufig der vorgeschriebene Mindestabstand von anderthalb Metern nicht eingehalten. Stephan Karkowsky dagegen nimmt es mit den Coronamassnahmen sehr genau:

Kommentar: Auf Abstand

WDR 4 Zur Sache 29.06.2020 02:07 Min. Verfügbar bis 29.06.2021 WDR 4

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Gestern hatten wir Gäste. Ein befreundetes Paar kam zum Essen. Und wieder diese Frage: Darf man sich jetzt zur Begrüßung in den Arm nehmen, oder ist das bereits bußgeldbewehrter grober Leichtsinn? Schnell nachgeschlagen in der aktuellen Coronaschutzverordnung. §1, Abs. 2: Treffen zweier Haushalte erlaubt, und: §2, Abs. 1: Anderthalb Meter Abstand ist dabei NICHT vorgeschrieben, nur gegenüber Dritten. Für die wäre aber ohnehin kein Platz mehr gewesen auf unserm Balkon.

Genau wie in den Innenstädten von Köln und Düsseldorf am Wochenende: Kein Platz für Abstand. Nur: Zu stören scheint das kaum noch wen. Wobei man klar sehen kann: Das ist ne Generationenfrage. Mittelalte Menschen wie ich erlebe ich am vernünftigsten. Senioren lassen sich nur ungern was sagen, die haben schon ganz andere Krisen überlebt. Und die Jungen? Halten sich für unsterblich.

Wenigstens gabs keine Randale. Das musste man ja befürchten, nach Stuttgart. Dass Nachahmer jetzt auch Bielefeld "entglasen" oder Oberhausen. Dass eine militante und oft noch minderjährige sogenannte Partyszene sich nun gegensseitig zu überbieten versucht mit immer krasseren Actionvideos auf Instagram und Youtube.

Ich jedenfalls möchte zur Zeit nicht gerne beim Ordnungsamt arbeiten. Oder bei der Polizei. Und der ausgelassen feiernden Alkopopsfraktion auf der Düsseldorfer Freitreppe oder vorm Kölner Stadtgarten sagen müssen, Leute, Ihr steht zu eng beieinander. Oder hat Eure WG wirklich 1000 Zimmer?

Und so sehr mich das ärgert, dass mir junge Leute auf dem Gehweg keinen Platz machen für den Mindestabstand, so sehr erinnert es mich an die eigene Sturm und Drang Zeit. Wir Vernünftigen müssen dann auch mal ehrlich sein und zugeben: Wir waren nicht immer so. Wie heißt es so schön: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.
Immerhin weiß ich, wem ich gestern Abend zu nah gekommen bin. Auch zum Abschied gabs ne Umarmung, ist doch klar. Aber werde ich mich daran noch erinnern, falls ich in ein paar Tagen Symptome entwickele? Diese Frage sollten wir uns unbedingt öfter stellen. Denn noch ist Corona nicht vorbei.

Stand: 29.06.2020, 13:10