Live hören
Jetzt läuft: West end girls von Pet Shop Boys

Ein Anschlag mit langer Vorgeschichte

09.10.2019, Sachsen, Halle: Ein Mann zündet eine Kerze auf dem Marktplatz an. Bei Schüssen in Halle sind zwei Menschen getötet worden

Ein Anschlag mit langer Vorgeschichte

Von Ferdinand Quante

Der Doppelmord von Halle und der Versuch des Täters, in einer Synagoge ein Blutbad anzurichten, haben weltweit für Entsetzen gesorgt. Politiker erklären ihre Abscheu und zeigen sich solidarisch mit der jüdischen Gemeinde in Halle und den Juden in Deutschland insgesamt. Das ist bitter nötig und gut so. Hilfreich wäre aber auch ein Blick zurück, denn es ist ja nicht so, als wäre dieser Attentatversuch aus heiterem Himmel gekommen. Antisemitismus in Deutschland ist leider ein altbekanntes Phänomen.

Ein Anschlag mit langer Vorgeschichte

WDR 4 Zur Sache 10.10.2019 02:38 Min. Verfügbar bis 09.10.2020 WDR 4

Download

Ein Mann ermordet zwei Menschen und will Juden in der Synagoge von Halle töten, was die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer für ein – wörtlich – "Alarmzeichen" hält, und in der Zeitung lese ich heute Morgen, es gebe Hinweise auf ein antisemitisches Motiv des Täters. Die Handfeuerwaffe, die Sprengsätze, die Schüsse auf die Synagogentür – wie man das als bloß zarte Hinweise auf judenfeindliche Beweggründe verstehen kann, ist mir schlicht schleierhaft, und nein, das, was in Halle passiert ist, ist kein Alarmzeichen, weil der Attentäter ja nicht irgendwelche Signale abgab, sondern Schüsse, mit denen er schließlich zwei Menschen tötete und zwei weitere schwer verletzte.

Und auch Bundespräsident Steinmeier liegt falsch, wenn er sagt, ein solcher Angriff auf eine voll besetzte jüdische Synagoge schiene in Deutschland nicht mehr vorstellbar zu sein. Das Gegenteil ist leider richtig, weil das antisemitische Klima in Deutschland ja nicht abgenommen, sondern sich über einen langen Zeitraum stetig verfestigt hat.

Vor 25 Jahren wurden auf die Synagoge in Lübeck zwei Brandanschläge verübt, weitere Anschläge dann in Erfurt, Düsseldorf, Berlin-Kreuzberg, Worms und Wuppertal. Der SPIEGEL hat 1995 in einer Umfrage das Verhältnis der Deutschen zu den Juden im Lande untersucht. Jeder Fünfte erklärte, er möchte keinen Juden zum Nachbarn haben. Und die aktuelle Verbrechensstatistik zeigt immer mehr antisemitische Straftaten: 1799 im vergangenen Jahr, 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Die meisten antisemitischen Straftaten verüben Rechtsextremisten, eingefleischte Judenhasser, die sich heute nicht mehr verstecken müssen. Die rechtsextreme AfD sorgt dafür. Den lange Zeit verdeckten Antisemitismus hat sie auf die öffentliche Bühne gebracht, oder wie sonst soll man den AfD-Mann Gauland verstehen, wenn er die Zeit des Nationalsozialismus und damit auch den Holocaust als Fliegenschiss bezeichnet.

Der Doppelmörder von Halle agierte am hellichten Tag auf offener Straße, als wäre er völlig frei von Schuld und Scham. Antisemitische Motive wollten ihn ein Blutbad in der Synagoge anrichten lassen, wobei das Wort antisemitisch für mich diese Tat letztendlich nicht umfassend erklärt. Ein mörderischer Hass auf Juden, wie soll man das begreifen?

Stand: 10.10.2019, 13:10