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Julian Assange – Tragischer Held oder Egomane

Wikileaks-Gründer Julian Assange 2011

Julian Assange – Tragischer Held oder Egomane

Von Jörg Brunsmann

2012 ist er in die Botschaft Ecuadors in London geflüchtet – gestern musste er sie verlassen und wurde direkt von der Polizei festgenommen. Julian Assange, der Mitgründer der Internetplattform Wikileaks. Über die Seite wurden viele vorher geheime Dokumente veröffentlicht, unter anderem über das Verhalten der USA im Irak-Krieg. Dokumente, von denen die einen sagen: Gut dass sie veröffentlicht wurden; so etwas muss in einer Demokratie offen diskutiert werden. Gleichzeitig aber haben die Veröffentlichungen die US-Politiker und ihr Verhalten bloßgestellt. Wo sich viele dann fragen, ob so etwas der Demokratie am Ende nicht mehr schadet als ihr zu nützen. Jörg Brunsmann findet: Eigetnlich müssen wir über Assange und seine Wikileaks-Plattform weiter diskutieren.

Julian Assange – Tragischer Held oder Egomane

WDR 4 Zur Sache 12.04.2019 01:39 Min. WDR 4

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Ihm selbst haben die fast sieben Jahre in der Botschaft wirklich nicht gut getan. Damals ein junger, vor Selbstbewusstsein strotzender Mann; bereit, sich mit allen und jedem anzulegen. Und jetzt? Mit seinem langen, weißen Bart, den deutlich gealterten Gesichtszügen und in der Situation, wie er von Polizisten in Handschellen aus der Botschaft abgeführt wurde, da wirkte Assange wie ein Waldschrat. Einer, der sich jahrzehntelang vor den Menschen versteckt hat und jetzt gegen seinen Willen ans Tageslicht gezerrt wird.

Persönlich scheint er ein schwieriger Mensch zu sein, jemand der sich unbedingt und um jeden Preis profilieren will – das kann man daran erkennen, wie frühere Weggefährten von Assange über ihn reden. Selten gibt es da Lob oder Anerkennung für ihn. Aber ändert es etwas daran, dass wir Assange und Wikileaks eigentlich dankbar sein sollten? Dankbar dafür, dass sie die Pressefreiheit hochhalten. Dankbar, dass sie Wissen, das einige Mächtige unter Verschluss halten wollten, in die Öffentlichkeit gebracht haben.

Der Fehler, den Assange gemacht hat: Er war zu radikal – und er hat offenbar zuwenig darauf geachtet, welche Wirkung seine Veröffentlichungen heben. Wenn Informationen, die bisher geheim waren, plötzlich in die Öffentlichkeit gelangen, hat das Folgen – und die müssen auch für eigentlich offene und demokratische Gesellschaften nicht immer positiv sein.

Julian Assange hat beispielsweise aus der ecuadorianischen Botschaft heraus mitgeholfen, E-Mails der damaligen US-Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton zu veröffentlichen. Mails, die offenbar von russischen Hackern erbeutet worden waren. Viele haben das als Wahlkampfhilfe für Donald Trump interpretiert. Wollte er das? Oder ging es ihm nur um das Prinzip "Nichts darf geheim bleiben?"

Gleichzeitig aber haben Assange und Wikileaks eine wichtige Diskussion losgetreten. Nämlich um die Frage, wieviel Offenheit Demokratie braucht und welche Informationen vielleicht doch besser geheim bleiben sollten. Eine Diskussion, die dringend weitergeführt werden sollte.

Schade, dass sie überdeckt wird von der Persönlichkeit Assanges und von den Bildern des Waldschrats, der nach sieben Jahren zeternd und in Handschellen ans Licht gezerrt wird.

Stand: 12.04.2019, 13:10