Kommentar: Rentner ärmer als gedacht

Hand einer älteren Person, die Münzen aus einem Portemonnaie holt

Kommentar: Rentner ärmer als gedacht

Von Katja Schwigkewski

Das Risiko der Altersarmut in Deutschland ist offenbar größer als die offizielle Statistik vermuten lässt. Eine neue Untersuchung offenbart, dass die bisherigen Zahlen ein verzerrtes Bild ergeben, weil Rentner und Pensionäre in einen Topf geworfen werden. Der so gefundene Mittelwert geht völlig an der Realität vorbei. Höchste Zeit, richtig hinzugucken und Konsequenzen zu ziehen, findet Katja Schwiglewski.

Kommentar: Rentner ärmer als gedacht

WDR 4 Zur Sache 22.02.2019 02:04 Min. WDR 4

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Meine Rechenkünste halten sich in Grenzen, aber auf meinen gesunden Menschenverstand kann ich mich in der Regel verlassen. Daher mein Misstrauen gegenüber Statistiken und Durchschnittswerten.

Was hat es für einen Sinn, in einer Gruppe von 20 armen Schluckern und einem Krösus das Durchschnittseinkommen zu ermitteln? Ein solcher Mittelwert suggeriert, dass es allen ganz gut geht. Tatsächlich aber steht einer hervorragend da und die anderen gucken in die Röhre.

Genau so verhält es sich, überspitzt gesagt, mit Rentnern und Pensionären. Wer differenziert, muss feststellen, dass unter den Rentnern und Rentnerinnen fast jeder und jede Fünfte von Armut bedroht ist. Bei den Pensionen betrifft das nicht einmal eine von hundert Personen. 19,5 zu 0,9 Prozent, so verteilt sich das Risiko der Altersarmut in Deutschland.

Schön für die ehemaligen Staatsdiener, nicht schön für die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung. Unser Sozialstaat hat ein großes Problem, und das lässt sich nicht durch komische statistische Methoden runterrechnen.

Nun wäre es unfair, der Politik vorzuwerfen, sie kümmere sich gar nicht um das Thema Altersarmut und Rente. Gerade wird über die Einführung einer solidarischen Grundrente und neue Freibeträge bei der Grundsicherung diskutiert. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass perspektivisch mehr geschehen muss, dass wir grundlegende Änderungen brauchen.

Vielleicht liegt die Lösung in einer gesetzlichen Altersversicherung, in die alle Erwerbstätigen einzahlen, auch Selbstständige und Freiberufler. So halten es die Österreicher. Auf jeden Fall könnte die deutsche Volkswirtschaft mehr junge Leute gebrauchen.

Damit wären wir beim Thema Zuwanderung. Auch da sind andere Länder weiter. Es müssen viele Hebel in Bewegung gesetzt werden, damit der Generationenvertrag nicht platzt. Die Sorge, im Alter in Armut zu geraten, ist kein Hirngespinst. Sie treibt viele Menschen um, zu viele, das ist gar nicht gut. Aber Weggucken macht die Sache keineswegs besser.

Stand: 22.02.2019, 13:10