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Kommentar: Partysprenger – Alle auf die Polizei

Eine zerstörte Bushaltestelle nach den Krawallen auf dem Frankfurter Opernplatz im Juli 2020

Kommentar: Partysprenger – Alle auf die Polizei

Von Ferdinand Quante

Vor einem Monat ging's in der Stuttgarter Innenstadt zur Sache. Junge Männer lieferten sich mit der Polizei ein regelrechtes Gefecht, es gab viele Verletzte und noch mehr Trümmer. Am Samstag ist in Frankfurt die Gewalt eskaliert. Auf dem Opernplatz – seit Wochen ein beliebter Treffpunkt für junge Leute – kam's plötzlich zu einer Massenschlägerei, die Polizei griff ein, wieder gab es Verletzte, Sachschäden und zahlreiche Verhaftungen. Über die Ursachen der Gewalt wird gerätselt. Sind vor allem die Corona-Einschränkungen schuld?

Kommentar: Partysprenger – Alle auf die Polizei

WDR 4 Zur Sache 20.07.2020 02:27 Min. Verfügbar bis 20.07.2021 WDR 4

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Corona ist Zwang. Man muss Abstand halten, muss Maske tragen, muss auf die ganz großen Feiern verzichten. Ist halt so, sage ich mir. Alles zwar lästig und blöd, aber momentan nun mal nicht zu ändern. Ob ich das auch gesagt hätte, wenn Corona in meine Jugendzeit hineingeplatzt wäre? Vielleicht wären mir die Zwänge an einem lauen Sommerabend dann auch schon mal schnuppe gewesen, und ich hätte irgendwo draußen auf einem großen Platz Freunde getroffen und Party gemacht.

So wie am Wochenende am Niehler Hafen in Köln und in Kamp-Lintfort auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche. Zweihundert, dreihundert junge Leute haben es ein bisschen krachen lassen, ohne Mundschutz, ohne Abstand. Bis das Ordnungsamt kam.

Ich kann beides verstehen: Den Corona-Frust der Jungen und ihre Lust auf Party, und das amtliche Verbot natürlich auch. Jeder weiß, was das Virus anrichtet, wenn man alle Vorsicht fahren lässt. In Köln und Kamp-Lintfort ging man am Ende friedlich auseinander, in Frankfurt aber gab’s Krawall, und das kann ich nun nicht verstehen.

Was ist los im Lande? Der Gewaltexzess in Stuttgart vor einem Monat, jetzt in Frankfurt. Ist der Corona-Frust schuld? Dass die vielen Einschränkungen einen Wutstau erzeugen, der sich urplötzlich entlädt? Corona wird sicher eine Rolle spielen, erklärt aber nicht alles. An beiden Randalen waren nicht nur, aber doch auch zahlreiche junge Männer mit Migrationshintergrund beteiligt.

Ein gefundenes Fressen für Rassisten, die die Aggressionen mit Hautfarbe erklären. Wenn geflüchtete junge Männer gewalttätig werden, dann sicher nicht aus biologischen Gründen, sondern weil sie vermutlich schlecht integriert sind, womöglich auch diskriminiert, ohne Job, ohne Anbindung und damit auch ohne ein Motiv, sich an Regeln zu halten. Was ihre Gewalt nicht rechtfertigen würde, nein, aber doch halbwegs plausibel machen könnte.

Vielleicht wurden die aktuellen Ausschreitungen zudem von den weltweiten Demonstrationen gegen Rassismus und Polizeigewalt befeuert. Wir leben in einem Klima von sozialer Rebellion, auch einer zunehmenden Rebellion gegen die Corona-Regeln.

Die anschwellende Spannung spürt derzeit wohl jeder, wie man sie löst, weiß allerdings niemand.

Stand: 20.07.2020, 13:10