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Kommentar: Abgehängt

Ein Mann greift in einen Mülleimer und sucht nach einer Pfandflasche

Kommentar: Abgehängt

Von Stephan Karkowsky

Ökonomen vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IDW) in Köln schlagen Alarm: Vier von 19 untersuchten Regionen bei uns in Nordrhein-Westfalen drohen wirtschaftlich abgehängt zu werden. Stephan Karkowsky hat sich die Studie angeschaut und findet: Abgehängt ist selten das richtige Wort.

Kommentar: Abgehängt

WDR 4 Zur Sache 09.08.2019 01:59 Min. Verfügbar bis 08.08.2020 WDR 4

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"Ich kann das Wort abgehängt schon nicht mehr hören", sagte heute-show-Moderator Olli Welke gestern genervt im ZDF, das eine Deutschland-Bilanz zog unter dem Titel: Ein Land, zwei Seelen. Abgehängt: Das klingt nach Anschluss verpasst. Wer abgehängt wurde, kann sich noch so abstrampeln: Der Zug ist abgefahren.

Jede fünfte Region in Deutschland ist in ihrer Entwicklung besonders gefährdet. Geredet wird aber oft nur über den Osten: Weil die Politik Angst hat davor, dass vor allem dort die AfD fleißig die Unzufriedenen einsammelt. Die sich vernachlässigt fühlen. Aber die gibt’s auch bei uns im Westen, und längst nicht allen geht es wirtschaftlich schlecht, im Gegenteil. Abgehängt sein ist ein Gefühl, dass unabhängig von Einkommen und Rente entsteht. In Ost und West.

Wirtschaftlich etwa sind Duisburg/Essen, Emscher-Lippe und Dortmund ganz unten, erst dann folgt mit der Altmark die erste Ost-Region. Sachsen und Thüringen sind sogar im Aufschwung: Die Löhne steigen dort so überdurchschnittlich wie die Arbeitslosigkeit sinkt. Dafür wird der Osten zum Altersheim der Republik, der Westen ist viel jünger.

Und das gibt Hoffnung. Denn der Jugend gehört die Zukunft. Anders als die Lausitz oder Südthüringen ist Dortmund noch immer eine junge Stadt – und lebenswert dazu. Anders als im Osten laufen uns im Westen nicht die Fachkräfte weg. Immerhin gibt es 47.000 offene Lehrstellen in Nordrhein-Westfalen, aber noch immer zu viel Arbeitslosigkeit. Ich will die Probleme nicht kleinreden. Denn das Fazit der Kölner Wirtschaftsforscher ist richtig: Die Kommunen brauchen Schuldenerlasse, damit sie wieder in Bildung investieren können und in einen Ausbau des Nahverkehrs, also: Eine bessere Anbindung der Dörfer an die Städte.

Denn auch bei uns werden die Menschen älter. Der Weg zum Arzt oder zum Einkaufen wird beschwerlicher. Da kann man was gegen tun. Erst wenn das nicht besser wird, verstehe ich, dass sich manche abgehängt fühlen.

Stand: 09.08.2019, 13:10