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Kommentar: Frust in der Lehre

Ausbilder und Auszubildende in einer Autowerkstatt

Kommentar: Frust in der Lehre

Von Irene Geuer

Jeder vierte Azubi bricht seine Lehre ab. Das steht im aktuellen Berufsbildungsbericht der Bundesregierung. Bei den Friseuren sind es sogar, statistisch gesehen, 50 Prozent, die abbrechen.

Und das Spannende an der Sache ist die Begründung: Die Chemie zwischen Lehrmeister und Lehrling stimmt ganz oft nicht. Ein Generationenkonflikt, könnte man sagen.

Kommentar: Frust in der Lehre

WDR 4 Zur Sache | 05.04.2018 | 02:02 Min.

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"Hey, heb mal da die Pappe auf und bring sie zum Müll." "Wieso? Ich hab die da doch nicht hingelegt, da bin ich nicht für zuständig."

So eine Antwort eines Lehrlings hätte es früher nicht gegeben, werden viele jetzt sagen. Und da ist was Wahres dran. Natürlich war es früher so, dass der Lehrling sich erst mal mit Kaffeekochen, Kehren und Müllentsorgen beschäftigte, bis sich jemand Zeit nahm, ihm die Handgriffe zu erklären, die er für den späteren Beruf brauchte.

Lehrlinge standen hinten an. Und mein Großvater hat uns immer erzählt, dass er Lehrgeld bezahlen musste. Für uns völlig verkehrte Welt, Lehrgeld zahlen ... Heute wird wieder die Forderung laut, den Azubi mehr Geld zu bezahlen und im Koalitionsvertrag steht was von Mindestausbildungsvergütung, die eingeführt werden soll. Also so eine Art Mindestlohn für Azubi.

Aber ich glaube, mit Geld ist das Problem überhaupt nicht gelöst. Wir haben es heute mit jungen Leuten zu tun, die sich nicht in der Rolle des "Kommaher" oder des "Machmaeben" sehen. Die Mädels und Jungs wollen etwas Gehaltvolles lernen. Richtig so. Sie wollen sich aber auch in ihrer Individualität verwirklichen, also dann Pause machen, wenn sie es brauchen.

Das haben viele so in der Schule und im Elternhaus gelernt. Schau auf Dich und deine eigenen Bedürfnisse. Das passt aber nicht unbedingt in einen Betrieb, wo es darauf ankommt, dass Hand in Hand gearbeitet wird. Stellen wir uns den auf seine persönliche Entwicklung bedachten Lehrling beim Dachdecken vor, wie er die ihm zugeworfene Schindel vorbeischweben lässt, weil er meint genau jetzt ins Butterbrot beißen zu müssen.

Das geht nicht. Also was tun? Lehrmeister und Lehrling müssen sich besser kennenlernen und ein Wir-Gefühl entwickeln. Und da sind für mich erst mal die Älteren gefordert. Also, Ihr Dachdecker, Friseure oder Fliesenleger, geht mal in die Schulen eurer potentiellen Lehrlinge und schaut, wie die aufwachsen, wie die heute lernen und wie die ticken und sich ihre Zukunft vorstellen. Und ihr Azubi könnt auch mal den Besen schwingen, wenn es gerade von Nöten ist – ohne zu diskutieren, OB es von Nöten ist.

Eine gut funktionierende Gesellschaft braucht keine Prinzessinnen und Prinzen, und auch keine Kommandeure, sondern Menschen, die zusammen etwas hinbekommen. So kann nicht nur Handwerk goldenen Boden haben.

Stand: 05.04.2018, 00:00